Herzblatt (2011)

Es gibt Tage, da wünscht man sich, im Bett geblieben zu sein. Und doch verändern sie dein Leben so, dass du es dir gar nicht mehr anders vorstellen möchtest. Ohne Action und trotzdem mit zahlreichen blauen Flecken. Auf Körper und Seele.

Lulu verliert zwei Jobs, einen Traum und ihr Selbstwertgefühl. Was sie bekommt, ist ein emotionales Jojo, wahre Freundschaft und eine intrigante Widersacherin. Das Leben wäre auch sonst langweilig.

Die ehemalige Lektorin lebt mit ihrem Ex und dessen neuer Liebe unter einem Dach und findet ihre Bestimmung als Moderatorin beim Radio. Und Sam, der sprichwörtlich mit einem Knall in ihr Leben tritt. Der jedoch steht zwischen zwei Frauen und hat allerlei Mühe, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie gut, dass es Freunde wie Gretchen und Oliver gibt, die dabei gerne behilflich sind.

Donnerstag, 16. Juni 2011

Herzblatt – Kapitel 46

Ganz so gelassen wie sie tat, nahm Gretchen ihren Jobverlust nun doch nicht. Das war ganz sicher auch der Grund, weshalb sie tatsächlich Montagfrüh mit mir in den Sender kam.

Das Wochenende war wider Erwarten ruhig und harmonisch verlaufen. Was wohl auch daran lag, dass ich mein Handy ausgeschaltet ließ. Erst am Sonntagabend schaltete ich es wieder ein. Da waren drei Anrufe von Sam, direkt nach meinem Abgang am Freitag. Zwei Anrufe von meiner Mutter, die Alex noch am Samstag via Festnetz geschickt abwimmeln konnte, und eine SMS von Marc, der komplett seine Stimme verloren hatte und für die kommende Woche ausfallen würde. Ja! Ich schrieb ihm zurück, dass das gar kein Problem sei und freute mich innerlich. Gretchen würde ich einfach in die Sendung schmuggeln und wenn Sam erst hörte, wie gut sie sich schlug, würde ihre Einstellung außer Frage stehen.

„Du hast mich am Freitag siebzehn Mal angerufen?“, fragte ich Björn.

„Das enttäuscht mich jetzt aber“, wandte Alex ein und bedachte ihn mit einer beleidigten Schnute. „Bei mir hast du’s nur zweimal versucht.“

„Weil du ja auch beim zweiten Mal rangegangen bist, Liebling“, verteidigte sich mein Ex. „Und jetzt gib’ deinen Bauch wieder her, Lulu.“

Ich stöhnte und lehnte mich auf dem Sofa zurück. Seit zehn Minuten benahmen sich die beiden Männer, mit denen ich unter einem Dach lebte, wie zwei Kindergartenkinder und bemalten meine Kugel mit bunten Blümchen. „Wenn ihr so weitermacht, kifft der Kleine noch bevor er geschlüpft ist.“

Der Kleine?“, fragten sie synchron.

Ich zuckte die Schultern. „Weiß ich doch nicht.“

„Ich hab’ doch schon ein rosa Mützchen gekauft“, klagte Alex.

„Und ich ein süßes Kleidchen.“

„Boah, das hält echt kein Mensch aus!“ Damit meinte ich allerdings nicht das hysterische Gebell, das Tyson nun anschlug, als es an der Wohnungstür klingelte.

Ich konnte Alex noch „Ähhh...“ sagen hören, als auch schon meine Mutter im Wohnzimmer stand.

„Oh, mein Gott!“ Sie sah aus, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen. Dann begann sie zu kreischen: „Kooonstaaantiiin! Ich hatte recht!“

„Was?“ Björn war mal wieder völlig überfordert mit emotionalen Ausbrüchen meiner Mutter.

„Das!“ Mama deutete auf meinen Bauch, von dem Tyson inzwischen die Lebensmittelfarbe schleckte. Sie brach in Tränen aus. „Du trägst ihr Kind aus.“

„Öh, Moment! Das ist mein Kind. Fertig, aus.“

Sie ignorierte mich und packte Alex am Schlafittchen. „Wer von euch beiden ist der Vater?“

„Oder die Mutter“, flüsterte mein Papa, der nun hinter dem Sofa stand und seine Hände auf meine Schultern legte.

„Wie habt ihr das gemacht? Mit einer Spritze? Oder habt ihr vielleicht sogar zu dritt... Oh, mein Gott!“

„Nun hör’ aber mal auf, Lisbeth! Das geht uns gar nichts an. Außerdem wissen wir ja nicht einmal, ob einer der beiden der Vater ist.“

„Sie haben es nicht abgestritten“, beharrte meine Mutter.

„Du lässt uns ja auch nicht zu Wort kommen“, bemerkte Björn ziemlich kleinlaut und fügte unnötiger Weise hinzu: „Das Baby ist nämlich von... autsch!“

Das Teelicht, das ihn fast mittig an der Stirn traf, war das erste, das ich zu greifen bekam.

„Ich bin schwanger von Osama Bin Laden. Und das muss streng geheim bleiben.“

„Ein Ausländer?“

Mein Vater stöhnte.

„Ich frage mich wirklich, wie ich bei einer Mutter wie dir zu einem normalen Menschen heran wachsen konnte?“ Hatte ich das gerade laut gesagt?

Ich hatte. Sofort imitierte meine Mutter etwas zwischen Rumpelstilzchen, Daisy Duck und dem Hulk, bis Alex ihr vorsichtig auf die Schulter tippte. Dazu musste er ihr zuvor vier Runden durchs Wohnzimmer nachlaufen. „Ähm, Frau Pech... Lulu sollte sich aber nicht aufregen, in ihrem Zustand.“

„Oh, mein Gott!“ Sofort hielt sie inne.

„Es ist immer ihrer. Ich hab’ keinen“, flüsterte Papa und drückte mir einen Kuss auf die Wange.

„Seid ihr wieder zusammen?“, fragte ich, ebenfalls flüsternd.

„Hab’ ich denn eine Wahl?“

„Was gibt es da zu flüstern?“, fragte Mama. „Und wieso liegst du da mit... was ist das auf deinem Bauch?“

Papa strich einmal mit dem Finger um meinen Nabel und steckte sich ihn dann in den Mund. Den Finger, nicht den Bauchnabel. Das hätte ich auch lieber Sam überlassen…

„Lebensmittelfarbe“, schlussfolgerte Papa.

„Wirklich?“ Tatsächlich ließ sie es sich nicht nehmen, ebenfalls zu probieren.

„Da hat Tyson schon drüber geschleckt.“

„Bäh!“

„Ludowika Luise“, begann mein Vater zwei Stunden später, als wir uns alleine vor dem Kamin lümmelten. Meine Mutter hatte gekocht, was sie im Kühlschrank fand, und jetzt waren Alex und Björn zum Abwasch verdonnert. „Es ist deine Sache. Als dein Vater möchte ich aber nur eines wissen: Ist das Kind aus der Vergewaltigung?“

„Vergewaltigung?“ Mir fielen zwei grüne Gummibärchen in den Ketchup.

Er räusperte sich. „Björn hat es mir erzählt. Deine Mutter weiß nichts davon. Und das wird auch so bleiben“, fügte er beschwörend hinzu.

„Papa, es war keine Vergewaltigung. Ich habe ihm vorher...“

„...die Eier rumgedreht? Wusste ich’s doch.“ Er war sichtlich erleichtert und schaute ein wenig stolz drein. „Das ist mein Mädchen. Björn hatte tatsächlich recht gehabt. Aber weißt du, ich habe mir eben Sorgen gemacht.“

Ich legte meinen Kopf auf seine Schulter. „Nein, Papa. Das Kind ist... ist von einem Mann, den ich liebe.“

„Aber?“

Ich seufzte tief und schmiegte mich näher an ihn. „Es ist kompliziert. Und im Moment möchte ich es einfach nur einfach haben.“

„Hmhm“, brummte er und erklärte damit unser Gespräch für beendet.

„Danke, Papa“, setzte ich dennoch hinzu.

„Wofür?“

„Dafür, dass du Mama erklärst, dass ich den Vater meines Kindes nicht preisgeben möchte. Noch nicht. Ich darf mich in meinem Zustand ja auf keinen Fall aufregen, nicht wahr?“

Er grinste breit. „Und ich hab’s an den Bandscheiben.“

„Was hat das damit zu tun?“

„Da wird man taub von“, lachte Papa und küsste liebevoll meine Stirn.

1 leselustige Meinungen:

Una hat gesagt…

Ja heeeh, der Papa ist ja mal goldig. Wo gibt es denn solche Väter?

Hoffentlich bekomme ich dann wenigstens morgen die Aussprache von Sam und Lulu zu lesen, auf die ich schon sooooooo lange warte :-)

LG Una