„Ich glaub’ einfach nicht, dass ich das wirklich tue?“ Auf Gretchens Gesicht hatten sich bereits kleine Panikpusteln gebildet.
„Prima!“ Sams Wagen stand nicht auf dem Gelände, dennoch wollte ich mich telefonisch versichern, dass er noch nicht im Studio war. „Danke, Arife!“ Die Ärmste schob inzwischen auch mehrere Schichten am Hörertelefon, um krankheits- und urlaubsbedingte Ausfälle auszugleichen. Eine neue Mitarbeiterin käme gerade mehr als recht.
„Das können wir nicht bringen.“ Vor dem Eingang zum Sender begann sie beinahe unkontrolliert zu zittern.
„Ach, was!“, sagte ich und kommandierte sie die Treppen hinauf. „Du bist heute mein Studiogast. Nennen wir es einfach Girls Day oder so.“
Glücklicherweise wurde Gretchen mit strahlendem Hallo von Arife empfangen. Auf sie war doch immer Verlass. Gretchen atmete sichtbar erleichtert auf.
„Von fünf bis sechs bereiten wir die Sendung vor, wählen Musik aus, positionieren Jingles, checken die bereits vorhandenen Nachrichten und Verkehrsmeldungen. Neue werden immer aktuell eingespielt und sind dann am PC im Aufnahmestudio sichtbar“, erklärte ich ruhig. „Das ist nichts Aufwändiges. Es erleichtert uns nur die Sendung und dauert nicht mal zehn Minuten.“
Arife lachte, als Gretchen mich verwirrt ansah. „Und wozu wird dann eine ganze Stunde veranschlagt?“
„Für den Austausch, Kaffee trinken…“
Arife fiel mir ins Wort: „Liebesbekundungen bekommen, den Chef zusammenfalten und solche Dinge.“
„Ich hab’ Sam nicht zusammengefaltet!“
Ihre Augen funkelten mich böse an. „Der war fix und fertig, nachdem du am Freitag einfach so abgerauscht bist. Ist in seine Bude und war für niemanden mehr zu sprechen. Die Neue ist ganz hochnäsig zu ihm reingetrabt“, dabei grinste sie jetzt. „Und so was von hochkant rausgeflogen.“
„Schade, dass ich das verpasst habe“, murmelte Gretchen. Ihre freundschaftliche Solidarität war einfach liebenswert.
„Was, liebe Hörerinnen und Hörer, ein heißes Bad, ausreichend Schlaf und Ruhe bewirken, konntet Ihr übers Wochenende hoffentlich ebenfalls erfahren. Meinem Kollegen Marc Hinze hat es glatt die Sprache verschlagen, daher habe ich mir weibliche Verstärkung mitgebracht.“
Gretchen blickte entsetzt von den vielen Knöpfen auf, deren Anblick sie offenbar völlig erschlug.
„Meine Freundin Gretchen wird mich heute durch die Sendung begleiten und hat bereits eine hervorragende Titelauswahl getroffen, um euch ganz sanft aus dem Schlaf zu holen. Am Mikrofon begrüßt euch Lulu Herz, kommt gut in den Tag.“
Ich zeigte auf einen Knopf, den Gretchen umgehend drückte und keine Sekunde später mit Fireflies den Raum erfüllte.
Die erste Stunde lief hervorragend. Ich war schon in der Schule keine schlechte Alleinunterhalterin. Gretchen wählte die Titel in harmonischer Reihenfolge aus, spielte Werbung ein und schließlich konnte ich sie sogar dazu überreden, die Verkehrsnachrichten zu verlesen.
„Kann ich dir noch einen Kaffee mitbringen? Ich geh’ schnell in die Küche.“
„Nicht nötig“, trällerte Arife und kam mit einem Tablett ins Aufnahmestudio. Sie kredenzte uns mit breitem Lächeln Kaffee, Tee und frische Croissants. „Ihr macht das toll!“
„Du bist ein Schatz“, küsste ich sie rasch auf die Wange. „Aber ich muss erst noch aufs Klo.“
„Ähm, Lulu?“, hörte ich Arife noch sagen, da war ich auch schon durch die Tür. Meine Blase drohte zu zerplatzen und ich hatte das Gefühl, das Baby machte sich einen Spaß daraus, sie noch ordentlich mit den Füßen zu massieren.
Ich stürzte in den Sanitärbereich und wäre beinahe mit Sam zusammengestoßen. Er sah aus wie ein begossener Pudel. Wortwörtlich.
„Was ist dir denn passiert?“, fragte ich und legte den Kopf in den Nacken, um zu ihm aufzuschauen.
„Morgen“, antwortete er kühl. „Reifen geplatzt.“
„Aha.“ Er war ja gesprächig wie immer. Ich reichte ihm ein Handtuch. Draußen goss es wie aus Eimern. Das Prasseln der Tropfen gegen die Scheiben erinnerte mich an mein Bedürfnis. „Ich muss…“
Wenigstens körperlich erleichtert kam ich aus der Toilettenkabine. Sam stand vor den Waschbecken und zog sich in aller Seelenruhe um. Ich hielt die Luft an. Oberkörperfrei spielten seine Muskeln, während er ein frisches Shirt von links auf rechts drehte. Vereinzelte Regentropfen perlten noch auf seiner Brust und ich unterdrückte nur mühsam den Drang, ihn trocken zu lecken. Der Drache, dessen tätowierter Kopf auf seiner Schulter lag, zwinkerte mir zu. Ich schwöre es!
Eilig verließ ich den Raum. Doch kaum hatte ich die Tür passiert, rief Sam mir nach.
„Lulu?“
Noch immer oberkörperfrei war er mir nachgegangen. Ich konnte sehen, wie Arife der Sabber aus dem Wundwinkel lief – und verstand sie nur zu gut. Lust wallte in mir auf. Am liebsten hätte ich Sam zurück ins Bad gedrängt und auf der nächstbesten Toilette vernascht.
„Willst du mir nicht“, fragte er und zog sich das Shirt über den Kopf, „vielleicht irgendetwas sagen?“
Ich will dich! Ich liebe dich! Und alles andere ist mir egal, wäre eine Möglichkeit gewesen. Aber mein Verstand hatte mich gerade noch im Griff. „Ähm“, räusperte ich mich und fuhr kleinlaut fort: „Marc und Till sind krank, Oliver in Urlaub, und ich wollte die Sendung nicht alleine moderieren. Gretchen… nun ja, sie steht auf dem Arbeitsmarkt gerade zur Verfügung.“
„Und da dachtest du, gibst du ihr einfach so mir nichts, dir nichts bei Radio Sonnenschein einen Job.“
Das war eine Feststellung, keine Frage. Deshalb antwortete ich: „Ehrlich gesagt, hatte ich mir das so oder so ähnlich vorgestellt.“
„Und du denkst, du kannst einfach solche Personalentscheidungen treffen?“, fragte er ganz ruhig.
„Nein, denke ich nicht.“
„Aber?“
„Ich dachte, wenn Gretchen erst mal hier ist, dann könnte ich dich schon davon überzeugen, dass du sie einstellst.“
„Und wie?“ Sam zog die rechte Augenbraue nach oben.
„Sie macht einen hervorragenden Job, davon kannst du dich selbst überzeugen. Oder aber… ich schlafe einfach mit dir.“
Ein leicht amüsiertes Lächeln umspielte seine Lippen – die im Übrigen zum Küssen einluden. „Und du denkst wirklich, das wäre eine Option für mich? Einmal abgesehen davon ist das ein sehr riskantes Unterfangen, Lulu. Du könntest schwanger von mir werden.“
Jetzt war ich diejenige, die eine 1a Gesichtsgrätsche aufs Parkett legte. Option? Hatte er gerade Option gesagt? Ich wusste nicht, ob ich entrüstet oder wütend oder beides sein sollte. Also entschied ich mich für verletzt und rannte zurück zur Toilette.
Ich wusste ebenfalls nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis ich vom Klo zum Waschbecken ging und in den Spiegel starrte. Aber es reichte aus, dass ich jetzt erschreckende Ähnlichkeit mit Alice Cooper hatte. Die Sanitäranlagen im Sender waren jedoch ausgestattet wie ein heimisches Badezimmer. Ich fand Abschminktücher und reinigte mein Gesicht, als die Tür aufflog und Arife herein stürzte.
„Ich werde heute noch lustig!“, fauchte sie und sah tatsächlich unglaublich wütend aus. „Ist das hier ein Irrenhaus?“
„Liebchen“, krächzte ich. „Die ganze Welt ist ein Irrenhaus. Aber hier ist die Zentrale.“
„Ja“, keifte Arife. „Ja, das glaube ich auch. Ihr alle seid Insassen und ich hab’ die Aufsicht! Weißt du eigentlich, wie spät es ist? Gretchen dreht schon fast am Rad, weil sie alleine moderieren muss. Der Chef ist halbnackt vor meiner Nase rumgetanzt, und das, wo ich doch schon seit Monaten keinen Sex mehr hatte“, jaulte sie. „Die Werbetussi hat meinen Diätjoghurt weggefressen, Lotte in den Flur geschissen, Sams bescheuerte Tussi taucht auf und dann ruft deine Mutter an und fragt, ob ich weiß, wer Osama Bin Laden ist? Ich fasse es nicht!“
„Tut... tut mir echt total leid“, stotterte ich. Arifes Gesicht war hochrot und die Augäpfel traten ihr fast aus den Höhlen. „Kommt nicht wieder vor. Ich bin sofort weg.“
Im Laufschritt hastete ich zurück in den Aufnahmeraum. Währenddessen überlegte ich, wie ich mich angemessen bei Gretchen dafür entschuldigen konnte, sie im Stich gelassen zu haben. Der Schreck fuhr mir durch die Glieder als ich sah, dass Sam bei ihr war. Er stand mit dem Rücken zu mir und Gretchen sah mit weit aufgerissenen Augen zu ihm auf. Ohje!
„Dann wäre das wohl geklärt?“ Sams Stimme klang gebieterisch, so richtig nach Chef.
Mir wurde ganz schlecht, als Gretchen nun auch noch zu stottern begann. „J-j-ja, ist in Ordnung. Ich hab’ verstanden. Nach der Sendung, in deinem Büro.“
„Hey“, fühlte ich mich sofort genötigt, einzugreifen und meiner Freundin beizustehen. „Gretchen hat gar nichts getan...“
„Hat sie sehr wohl“, fiel Sam mir unwirsch ins Wort. Dabei drehte er sich nicht einmal um. „Und dafür wird sie die Konsequenzen tragen.“
„Sam, du kannst doch nicht...“ Ich packte ihn am Arm. Mit beiden Händen kam ich nicht mal zur Hälfte um seinen Bizeps.
Mühelos schüttelte er mich ab. „Lulu, es bedarf nun wirklich nicht deines körperlichen Einsatzes, mich zu überzeugen. Gretchens Charme, ihr Talent und ihr Mut sind völlig ausreichend.“ Auf meinen verdatterten Gesichtsausdruck hin fügte er gnädiger Weise hinzu: „Sie unterschreibt nachher einen Arbeitsvertrag.“
Die Tatsache, dass er mir einmal mehr zu verstehen gab, auf Sex mit mir verzichten zu können, ignorierte ich völlig. Gretchens Miene hatte von total überrumpelt in grenzenlos glücklich gewechselt. Wir fielen uns in die Arme und äußerten unsere Begeisterung in wilden Schreien und etwas, das aussah wie ein Regentanz.
„Übrigens, Mädels“ Sams tiefer Bariton übertönte unser Gekreische nur schwach. „Ihr seid schon wieder auf Sendung.“
1 leselustige Meinungen:
Keine Schlägerei, kein Geheule, keine Wutausbrüche, keine Vorwürfe und nur gaaanz wenig Verletztsein ..... sie nähern sich endlich wieder.
JAAAA! :-))
LG Una
PS: Wieso haben deine Romane eigentlich keine Bilder, wenn doch die Typen soooo lecker aussehen? *schmacht*
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