„Es ist gleich fünf vor zwölf. In der nächsten Stunde erwartet euch Sebastian Schlick und er hat großartige Hits im Gepäck.“ Ich spielte Ausschnitte einiger Songs ein, die Sebastian für seine Mittagssendung vorbereitet hat. „Gleich für euch die Nachrichten. Am Mikrofon verabschieden sich Lulu Herz...“
„... und Gretchen Frage.“
„Nicht lachen, sie heißt wirklich so. Habt einen schönen Tag. Und wenn ihr wollt, holen wir euch morgen wieder gemeinsam aus dem Schlaf.“
Sebastian nahm fröhlich das Mikro entgegen und ich schlenderte mit Gretchen in die Küche.
„Hungaaa“, jammerte ich theatralisch.
Arife hatte sich vor zwei Stunden verabschiedet, aber noch zwei Pizzen reserviert, die nun im Froster auf uns warteten.
Zu unser beider Unmut saß an dem großen Esstisch in der Mitte des Raums Allegra und knabberte an einer Möhre. Neben ihr stand ein gemischter Salat, hinter dem – was mir schlagartig den Appetit verdarb – Jaqueline saß.
„Oh, nee“, stöhnte ich über Gretchens Schulter. „Was will die denn noch hier?“ Während der letzten Stunden war ich ihr bei meinen regelmäßigen Toilettengängen glücklicherweise nicht über den Weg gelaufen.
Das Biest musste ein unglaubliches Gehör haben, denn umgehend fauchte sie mich an: „Ich habe jedes Recht hier zu sein, kapiert?“
Allein ihre Stimme ließ meine Haut prickeln. Ihre Art, überheblich den Kopf in den Nacken zu werfen und die Nase bei meinem Anblick zu rümpfen, brachte mich fast zum Explodieren. Ich zwang mich zur Ruhe.
„Das einzige, das du hier zu suchen hast, ist der Ausgang, Biestermann.“ Ich wendete mich dem Backofen zu und schob die Pizzen hinein, die Gretchen bereits aus dem Froster geholt und ausgepackt hatte.
„Na?“, setzte Jaqueline gehässig nach. „Hast du denn endlich einen Vater für dein Kind?“
Gretchen legte ihre Hand auf meinen Arm. „Lass’ dich nicht provozieren“, bat sie flüsternd.
So weit wollte ich es gar nicht kommen lassen. „Sogar zwei“, antwortete ich und grinste maliziös. „Und du? Hast du denn endlich ein Kind für den Vater?“
Ich sah Jaqueline sämtliche Gesichtszüge entgleisen. Allegra rieb sich sichtlich unbehaglich die Stirn.
Eine lange Pause entstand. Das Biest schien sehr genau zu überlegen, was sie sagen sollte. Offensichtlich wusste sie, dass Wut nicht selten zu unbedachten Handlungen und Aussagen führte. „Lass’ einfach die Finger von Sam, verstanden? Ist sowieso zwecklos, du passt überhaupt nicht in sein Beuteschema. Klein und fett und alt. Da steht er nicht drauf.“
Ich holte tief Luft. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. „Hör’ zu, mag ja sein, dass Sam auf Grätenpolka steht. Na, und? Ich bin dick, du bist blöd. Ich kann abnehmen. Was machst du? Und ganz nebenbei bemerkt: Im Gegensatz zu dir bin ich schwanger.“
„Pah!“, winkte sie ab. „Du bist alt. Und daran kannst du nichts ändern.“
Scheiße! Jetzt fiel mir kein passendes Gegenargument ein.
„Johannes Heesters ist alt“, hörte ich Gretchen sagen. „Lulu ist reif und hat es nicht nötig, Lügen aufzutischen, um einen Kerl zu halten. Da steht sie nämlich drüber. Weil sie Charakter hat“, fügte sie noch hinzu.
Jaqueline funkelte erst Gretchen, dann Allegra böse an. Offenbar erwartete sie in unserer verbalen Schlacht von ihrer Freundin mindestens genauso viel Einsatz.
„Dafür haben wir äußere und innere Werte“, haute Allegra darauf hin zittrig heraus.
Gretchen lachte. „Klar. Die inneren habt ihr dann zu Hause gelassen, oder wie? Ihr seid so armselig.“
Jaqueline schoss von ihrem Stuhl hoch. Sie war verdammt groß, und wie sie so die Schultern reckte und den Brustkorb aufblies, wirklich beeindruckend.
„Jacky, lass’ gut sein“, flehte Allegra und zupfte sie am Ärmel ihres Designerblazers.
Das Biest in mir war nun aus seinem Dämmerschlaf erwacht und hechelte gierig. „Was ist dein Problem, Schaggeline?“, fragte ich schnippig.
„Du!“ Sie trat um Tisch herum direkt auf mich zu. Nur ein läppischer Meter trennte uns. „Du bist mein Problem.“
„Oh“, tat ich übertrieben geschmeichelt. „Ich nehme einen so großen Stellenwert in deinem Leben ein? Ich fühle mich richtig geehrt. Oder? Nein, doch nicht.“
„Weißt du, was?“ Ihr Zeigefinger näherte sich meiner Schulter, stoppte aber kurz vorher, als könne sie sich an mir beschmutzen. „Du bist nichts anderes als ein Notnagel. Wer will denn eine wie dich noch? Sogar dein Mann ist schwul geworden.“
Das Biest in mir knurrte bedrohlich. „Du solltest wirklich einen Therapeuten mit Fachgebiet Sexualität aufsuchen“, hielt ich es mühsam unter Kontrolle. „Kriegst du’s selbst nicht richtig hin, oder warum bist du so unterleibsfixiert?“
Sie ignorierte meinen Einwand völlig und hetzte weiter: „Ich wette, deinen blöden Laberjob hast du dir auch ervögelt, bei dem lieben, guten, tollen Oliver?“
„Schon mal einen Liter Blut durch die Nase gespendet, Schaggeline?“
Sie beugte sich zu mir hinunter und spuckte Niedertracht aus: „Und ich wette, du hast gewinselt und darum gebettelt, dass mein Bruder dich mal ordentlich durchf...“
„Es reicht!“ Sams Stimme donnerte durch den Raum.
Doch da hatte sich das Biest in mir bereits von der Kette gerissen und meine rechte Faust schnellte nach oben. Ein Krchk war zu hören, die Frage nach der Blutspende beantwortete sich von selbst.
„Das kann doch echt nicht wahr sein“, grollte Sam mehr zu sich selbst.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und presste die Lippen aufeinander. Eine Entschuldigung würde er nicht hören.
„Ich erwarte keine Entschuldigung von dir“, flüsterte er im Vorbeigehen. „Aber ich hätte erwartet, dass du dich mehr unter Kontrolle hast. Gerade jetzt.“ Mit dem Handrücken streifte er meinen Bauch.
„Komm, Lulu. Du brauchst was in den Magen.“ Gretchen hatte sich bei mir eingehakt und manövrierte mich zurück in die Küche.
Jaqueline saß schon im Notarztwagen, den Sam sofort verständigt hatte, und wurde erstversorgt. Die Nase war definitiv gebrochen.
„Hat bei Sylvia genauso geknackt“, stellte Gretchen schadenfroh fest.
Unsere Pizzen waren inzwischen Briketts, aber sie fand noch zwei Dosen Ravioli im Schrank. „Du musst etwas essen, Lulu.“
„Pah!“, stöhnte ich und ließ den Kopf in meine Arme sinken. „So viel kann ich gar nicht essen, wie ich kotzen möchte.“
„Immerhin ist Sam nicht mit ihr ins Krankenhaus gefahren“, rezitierte sie. „Das gibt mir jedenfalls zu denken.“
„Dann denke. Ist mir egal.“
„Ist es dir nicht.“
„Wohl.“
„Nein.“
„Doch.“
„Immer zweimal mehr wie duuu!“
„So ein bisschen bescheuert seid ihr ja schon, oder?“ Allegra stand unvermittelt in der Küche.
„Wieso sitzt du nicht im Krankenwagen und hältst deiner ach so tollen Freundin das Händchen?“, schnauzte Gretchen sie an.
„Wieso hat deine ach so tolle Freundin sie überhaupt krankenhausreif geschlagen?“, konterte Allegra.
„Sag’ mal, Schnickse?“ Gretchens Stimme zitterte, was mir sagte, dass sie locker auf Hundertachtzig war, aber bemüht, Contenance zu waren. „Ich glaube, du musst dringend dein Wahrnehmungsvermögen prüfen. Du hast ja die Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege. Oder wo warst, als dieses verdammte Miststück...“
„Dabei! Ist ja gut“, fiel sie ihr ins Wort und sah ganz unglücklich dabei aus. „Aber Jaqueline ist nun mal ein sehr aufbrausender Typ.“
„Psychopatisch, verlogen, missgünstig, niederträchtig und hohl trifft es wohl eher.“
„Sexuell frustriert hast du vergessen.“ Arme und Kopf hatte ich inzwischen auf dem Tisch ausgebreitet. „Und die Ravioli.“
„Oh, verdammt!“ Gretchen sprang auf und betrachtete missmutig den inzwischen rot gesprenkelten Kochplatz. „Habt ihr eine Reinemachefrau?“
„Ich helfe dir“, bot Allegra spontan an.
Ich hob den Kopf. War ich jetzt im falschen Film? Oder war sie einfach nur eine verdammt gute Schauspielerin?
Gretchen schien das gleiche zu denken. „Sag’ mal, willst du uns verarschen? Was für eine beste Freundin bist du denn?“ Als sie keine Antwort erhielt, fuhr sie fort: „Eine beste Freundin hasst aus Solidarität, und das mit Inbrunst. Sie würde nie mit dem Feind sympathisieren. Schon gar nicht hinter deren Rücken. Verstanden? Was man Lulu antut, tut man auch mir an. So ist das.“
„Ah, so ist das.“ Allegra lehnte sich im Stuhl zurück und sah mit jeder Faser ihres Körpers aus wie eine zickige Diva. „Und das von einer Frau, die behauptet, reif zu sein.“
„Halt“, hob sie den Zeigefinger. „Ich sagte, dass Lulu reif ist. Von mir war nie die Rede.“
„Das ist Kinderkacke.“
„Na, und?“
Allegra schnaubte. „Das widerspricht doch allem, was ihr gesagt habt.“
„Tut es nicht.“
„Tut es wohl.“
„Lulu, jetzt sag’ doch auch mal was.“
„Geht nicht“, stöhnte ich. „Bin inzwischen verhungert.“
3 leselustige Meinungen:
Irgendwie muss ich gerade an diese Snickers-Werbung denken *lach*
Aber klasse Szene *Gg*
You made my day *smile*
LG Claire
„Hat bei Sylvia genauso geknackt“
JA und sowas von verdient. Das gönn ich dieser blöden Hupfdohle aber sowas von! :-)
LG Una
Wie geil, auch wenns nix nützt und pure unverfälschte Schadenfreude zeigt ... ich find die Nase hat es nicht anders gewollt!
Schöner Samstag morgen, jetzt noch ein Kaffee und alles ist perfekt!
LG, *d*
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