Herzblatt (2011)

Es gibt Tage, da wünscht man sich, im Bett geblieben zu sein. Und doch verändern sie dein Leben so, dass du es dir gar nicht mehr anders vorstellen möchtest. Ohne Action und trotzdem mit zahlreichen blauen Flecken. Auf Körper und Seele.

Lulu verliert zwei Jobs, einen Traum und ihr Selbstwertgefühl. Was sie bekommt, ist ein emotionales Jojo, wahre Freundschaft und eine intrigante Widersacherin. Das Leben wäre auch sonst langweilig.

Die ehemalige Lektorin lebt mit ihrem Ex und dessen neuer Liebe unter einem Dach und findet ihre Bestimmung als Moderatorin beim Radio. Und Sam, der sprichwörtlich mit einem Knall in ihr Leben tritt. Der jedoch steht zwischen zwei Frauen und hat allerlei Mühe, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie gut, dass es Freunde wie Gretchen und Oliver gibt, die dabei gerne behilflich sind.

Sonntag, 19. Juni 2011

Herzblatt – Kapitel 49

„Was für ein Tag! Das glaubt ihr nicht!“, sprudelte es aus Gretchen heraus, als wir gegen sieben mit Björn und Alex beim Abendessen saßen und sie die letzten dreizehn Stunden en detail und geradezu plastisch wiedergab.

„Seit ich Lulu kenne, glaube ich alles“, murmelte Alex.

Ich schaufelte Hackbraten in mich hinein und komplettierte zwischen einzelnen Bissen Gretchens Erzählungen.

„Er hat wirklich Option gesagt?“ Björn schien mindestens genauso fassungslos wie ich es war.

Alex legte die Hand auf seinen Unterarm. „Moment mal. Ich glaube nämlich, die Biestermann hat gar nicht mal so unrecht.“

„Wie bitte?“ Entsetzen zeichnete sich auf Björns, Gretchens und meinem Gesicht ab.

Er wedelte beschwichtigend mit den Händen. „Sie hat gesagt, du passt überhaupt nicht in Sams Beuteschema.“

„Blöde Kuh“, knurrte Gretchen.

„Gretchen, Beuteschema. Beute“, betonte Alex, „das ist die breite Masse. Da ist eine Frau wie die andere. Du passt da nicht rein.“

„Weil er mich nicht liebt.“

Er rollte mit den Augen und schnaubte. „Weil du etwas Besonderes bist.“

„Ja, nee. Iss klar.“

„Du bist echt so was von komplexbehaftet.“

„Äh“, ich beugte mich zu ihm vor. „Du hast mir meinen Mann ausgespannt. Wundert dich das?“

Betroffen inspizierte er die Maserung der Tischplatte.

„Hört mit dem Blödsinn auf“, mischte Gretchen sich ein. „Sam ist nicht mit der... argh!... ins Krankenhaus gefahren. Ich bin mir sicher, die sind gar nicht mehr zusammen. Aber das lässt sich herausfinden.“

„Willst du hingehen und ihn fragen?“ Björn kratzte sich am Kopf.

„Wir fragen Allegra.“

„Sicher, die wird uns auch liebend gern Auskunft geben“, spöttelte ich.

„Hey, sie ist auch nicht mitgefahren“, erinnerte Gretchen. „Und sie war schon beinahe nett zu uns. Naja, jedenfalls nicht grantig und zickig wie sonst.“ Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. „Sie ist schwach. Jede Wette: Wenn wir Allegra nur genug bearbeiten, dann knickt die ein wie Reiner Calmund beim Fasten.“

„Iff will mifft“, jammerte ich mit mindestens zweihundertfünfzig Gramm Hackfleisch im Mund. „Ich will nur meine Ruhe.“

„Ruhe“, wiederholte Gretchen abschätzig.

„Ruhe ist nett.“

„Und Nett ist die kleine Schwester von Scheiße.“

Björn schaltete sich ein. Er war aufgestanden und legte sachte seine Hände auf meine Schultern. „Ruhe ist genau das, was Lulu und der Krümel jetzt brauchen. Alles andere wird sich zeigen.“

„Tut mir leid“, sagte Gretchen betroffen. „Ist natürlich klar. Ich bin echt bescheuert. Sorry. Aber das heute war eben total viel und“, sie wedelte mit den Händen in der Luft herum. „Ich krieg’ das immer noch nicht alles auf die Kette.“

„Das verstehe ich, Süße. Aber Sam hat recht“, sagte ich nun zur Allgemeinheit. „Auch wenn Schaggeline es meiner Meinung nach verdient hat, kann ich ihr nicht die Nase brechen. Das ist Scheiße. So weit hätte ich mich wirklich unter Kontrolle haben müssen, gerade wegen dem Krümel. Eine prügelnde Mutter! Welches Kind braucht so was?“

Die folgenden Tage verliefen zu meiner Erleichterung tatsächlich ruhig. Gretchen und Allegra zickten sich an, sobald sie sich sahen, wobei es inzwischen schon fast aussah, als würden sie sich necken.

Sam verhielt sich mir gegenüber sehr distanziert, beinahe schon unterkühlt, und ich hatte das Gefühl als wären wir gerade mindestens so weit voneinander entfernt wie ich von 90-60-90. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, krampfte mein Herz. Es war kaum verwunderlich, dass auch ich immer ruhiger wurde – und blieb nicht unbemerkt.

„Was ist los, Süße? Du gefällst mir gar nicht.“ Arife war mir in die Küche gefolgt. „Dir geht es nicht gut, stimmt’s?“

„Doch, doch. Mir geht’s prima“, log ich und starrte dabei in meine Teetasse.

„Mit dem Baby ist doch alles in Ordnung, oder?“

Ich musste lächeln. Wie auf Kommando begann Little Sam sich zu regen. Schon seit einer Weile konnte ich ihn spüren. Doch jetzt gab er sich alle Mühe, kleine Beulen auf meinen Bauch zu zeichnen.

„Ich werd’ verrückt!“, quiekte Arife verzückt. „Da ist ein Fuß! Oder eine Hand? Was ist das? Schau’ dir das an!“

Ich bemerkte erst, dass sie gar nicht mich meinte, als mich warmer Schatten umgab. Sam.

„Das ist ja Wahnsinn. Lulu, darf ich mal?“, hob Arife die Hand. Als ich nickte, legte sie sie auf meinen Bauch. Und Little Sam hielt still. „Schade“, jammerte sie. „Mach’ du mal.“

Ich konnte sehen, wie Sam sich versteifte. „Ich würde nur gerne mein Wasser holen.“

„Nun sei nicht so ein grober Klotz“, schimpfte Arife und zeigte auf meinen Bauch. „Mach’ mal!“

Hast du schon, ging es mir durch den Kopf. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen reckte ich die Schultern und drückte das Kreuz durch. „Trau dich doch“, sagte ich leise.

Sam räusperte sich, sah von mir zu Arife, dann auf meine Kugel und legte mit einem betont entnervten Seufzen die Hand auf. Schon tobte es in meinem Bauch und es fühlte sich an als würde Little Sam unter Zuhilfenahme aller vier Gliedmaßen Freudensprünge in seiner Fruchtblase aufführen. Es sah aus wie bei einer Alienattacke.

Sam zog die Augenbrauen nach oben und ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Na?“, fragte Arife. „Was sagst du?“

Er räusperte sich erneut. „Wie viele teilen sich da drin ein Zimmer?“

„Nur eins“, antwortete ich. „Aber wenn es nach dem Vater kommt, wird’s schon ganz schön eng.“

„So?“, machte er und zog die Hand zurück. „Kann ich jetzt bitte mein Wasser haben?“

Ich biss auf meine Unterlippe, um die Tränen zurück zu halten, zog Gretchen noch einen Kaffee und ging zurück ins Aufnahmestudio.

„Liebchen, ich verstehe ja, dass du deine Ruhe haben willst, aber...“ Sie hielt inne als sie sah, wie sehr ich mit meiner Fassung rang. Zudem lief gerade unsere Moderation wieder an. „Das war Robbie Williams mit seinem Top-Hit Feel, und das ist ja mal wirklich ‚ne Hausnummer.“ Bevor ich meinen Einsatz starten konnte, fuhr sie fort: „Aber wusstet Ihr eigentlich, dass euer Herzblatt und inzwischen Lieblingsfrühstücksmoderatorin Lulu wohl einer der größten Fans von Bruno Mars und zudem noch meine beste Freundin ist? Deshalb spielen wir doch gleich noch einen Titel aus seinem aktuellen Album, bevor die Werbung kommt.“

You can count on me like one, two, three, I'll be there.
And I know when I need it, I can count on you
like four, three, two and you'll be there.
Cause that's what friends are supposed to do, oh yeah…

„Dann schieb’ gleich Smile von Uncle Kracker nach, Süße“, lächelte ich und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Gretchen legte ihre Hand auf die Stelle und räusperte sich. „Ähm... ich... müsste reden.“

„Klar. Was los?“

Sie druckste eine ganze Weile herum, was mich total nervös machte. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, mein ganzes Leben – oder wenigstens die letzten Monate – waren ein einziges Herumgedruckse.

Als die Werbung einsetze, haute sie raus: „Allegra hat mich geküsst. Und... und ich sie.“

„Aha“, machte ich und legte meine Stirn in Falten. „Geküsst?“

„Ja.“

„Also, geküsst?“

„Ja-haaa.“

„Wie?“

Gretchen beugte sich zu mir hinüber und flüsterte: „So richtig. Mit Zunge.“ Ihr Gesicht lief knallrot an.

„Mit Zunge? Ihr beide? Miteinander? Wann?“

„Vorhin“, antwortete sie atemlos und ratterte dann herunter: „Als du die Nachrichten verlesen hast, war ich doch auf Toilette. Da kam Allegra rein und hat sich furchtbar mit dem Biest gestritten. Am Handy. Übrigens“, schob sie rasch ein, „müssen Sam und das Biest getrennt sein. Allerdings wohnt sie wohl noch bei ihm. Teilweise. Sie scheint öfter mal woanders zu übernachten, macht sich aber immer noch Hoffnungen, dass zwischen ihnen wieder was laufen könnte. Also, als Allegra mich gesehen hat, blaffte sie mich an, ob ich gelauscht hätte? Und ich sagte, es würde mich einen Scheiß interessieren. Und sie kuckt so. Und ich fragte, ob sie ein Problem hat? Und sie kuckt wieder so. Und ich kucke zurück. Und sie sagt auf einmal, es täte ihr alles so leid. Und ich kucke immer noch. Ein bisschen blöd, zugegeben, weil sie auf einmal anfängt zu weinen. Und ich frage noch mal, was eigentlich ihr Problem ist? Und sie sagt, ich bin es. Und ich mache Hä? Und sie macht Ja! Und dann hat sie mich geküsst und ich habe zurückgeküsst. So. Und jetzt kommst du!“

„Äh...“, war alles, was mir spontan einfiel.

Gretchen warf einen raschen Blick auf die Uhr. „Sag’ was!“

„Muss ich jetzt auch nett zu ihr sein?“

„Hä?“

Ich schüttelte den Kopf, um das eben Gehörte an der dem Verständnis zuträglichen Stelle in meinem Gehirn zu sortieren. „Ich denke, damit ist die weiße Flagge gehisst?“

„Wir haben uns geküsst.“

„Ja, deswegen.“

„Aber, Lulu!“ Gretchen warf ihre Arme in die Luft. „Das ist Allegra.“

„Ja, mein Gott. Sie ist halt doch nicht so zickig und hohl wie wir dachten und vielleicht echt eine ganze Nette.“

„Sie ist eine Frau!“

„Ach“, winkte ich ab. „Denkst du, gleichgeschlechtliche Beziehungen wären etwas Neues für mich?“

„Für dich vielleicht nicht, aber...“

Das Pling! aus der Nachrichtenredaktion unterbrach sie.

„Es ist fünf vor zwölf und hier sind die Nachrichten des Tages...“, begann ich meine Moderation.

1 leselustige Meinungen:

Claire Fraser hat gesagt…

Ahja, da wär ich ja jetzt nie drauf gekommen *lächel* ABer nette Idee.

Mach weiter so. Freu mich schon auf morgen.

LG und schönen Sonntag
Corinna