Herzblatt (2011)

Es gibt Tage, da wünscht man sich, im Bett geblieben zu sein. Und doch verändern sie dein Leben so, dass du es dir gar nicht mehr anders vorstellen möchtest. Ohne Action und trotzdem mit zahlreichen blauen Flecken. Auf Körper und Seele.

Lulu verliert zwei Jobs, einen Traum und ihr Selbstwertgefühl. Was sie bekommt, ist ein emotionales Jojo, wahre Freundschaft und eine intrigante Widersacherin. Das Leben wäre auch sonst langweilig.

Die ehemalige Lektorin lebt mit ihrem Ex und dessen neuer Liebe unter einem Dach und findet ihre Bestimmung als Moderatorin beim Radio. Und Sam, der sprichwörtlich mit einem Knall in ihr Leben tritt. Der jedoch steht zwischen zwei Frauen und hat allerlei Mühe, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie gut, dass es Freunde wie Gretchen und Oliver gibt, die dabei gerne behilflich sind.

Montag, 20. Juni 2011

Herzblatt – Kapitel 50

Gretchen, sonst so besonnen und in sich ruhend, war inzwischen völlig out of order.

Ich zitierte Khalil Gibran: „Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken, denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf.“

„Na, du machst mir Spaß“, maulte sie.

„Dann lach’ doch mal.“

Gretchen verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte: „Von dir als meine beste Freundin hätte ich ein bisschen mehr Verständnis erwartet.“

„Schätzelein, ich habe Verständnis. Verständnis dafür, dass du durcheinander und aufgebracht bist. Und gerade deshalb versuche ich, dich zu beruhigen. Es ist schließlich nichts Verwerfliches dran, sich zu verlieben.“

„Ich bin doch nicht verliebt!“

„Bist du nicht?“

Sie schwieg.

Ich griff nach ihrem Arm und streichelte ihn. „Siehst du. Du solltest es einfach zulassen. Wem, außer dir selbst, bist du denn Rechenschaft schuldig, wen du liebst? Ob es sich nun um einen Mann oder eine Frau handelt, um Allegra oder sonst wen. Ich glaube nämlich, ganz so verkehrt ist sie gar nicht. Der Himmel weiß, was sie dazu getrieben hat, einem verlogenen Miststück wie Schaggeliene die Treue zu halten?“

„Sie ist schon ein bisschen cool“, gab Gretchen nach einer Weile zu. „Aber… sieh sie dir doch an!“

Das war allerdings ein Argument. Gegensätzlicher konnten zwei Frauen nicht sein.

Allegra war eines dieser Beautygirls, stets perfekt geschminkt, Haare wie aus der Pantene-Werbung, BMI-Vorzeigemodell in Pumps und Kostümchen.

Gretchen hingegen hatte was von Ronja Räubertochter. Kurzes, strubbeliges Haar in der Farbe eines Mischlingshundes, aus Prinzip oder Tierschützerinstinkt grundsätzlich ungeschminkt, und immer in einem Outfit, als hätte sie den Kleiderschrank ihres großen Bruders geplündert.

„Gegensätze ziehen sich erst an, dann aus“, platzierte ich einen seichten Witz.

„Deshalb ist Sam ja auch so groß und du so klein.“

„Ich bin nicht klein“, protestierte ich.

„Aber ich bin groß“, räusperte sich Sam und wir fuhren erschrocken herum. „Wenn ihr dann mit eurer, ähm, Nachbesprechung fertig seid, könntet ihr kurz zwecks Dienstplanbesprechung zu mir kommen? Bitte?“

Wir nickten gehorsam.

„Dienstplanbesprechung?“, fragte ich verwundert, als er außer Hörweite war. „Seit wann gibt’s denn hier so was?“

Gretchen zuckte mit den Schultern, aber hatte es plötzlich sehr eilig, zu dieser Dienstplanbesprechung zu kommen, als sie Allegra aus der Küche kommen sah.

Ich grinste breit.

„Marc wird kommende Woche wieder hier sein“, begann Sam ohne Umschweife und tippte mit seinem Bleistift auf den Plan vor sich. „Gretchen, ich denke, er wird es sich ungern nehmen lassen, das Feld für dich zu räumen. Dafür“, er schielte beinahe unbemerkt zu mir hinüber, „arbeitet er einfach zu gerne mit Lulu zusammen. Und in zwei Wochen ist Oliver auch schon wieder da“, fügte er hinzu.

„Hast du’s gut“, murmelte Gretchen. „Du bist hier von lauter Männern umgeben.“

„Bin ich zu Hause auch. Und? Was bringt’s?“

„Hm“, schmollte sie

„Habe ich dann wieder eure Aufmerksamkeit?“ Sam konnte echt den Chef raushängen lassen. „Gretchen, irgendwo müssen wir dich ja unterbringen.“

In der Werbung vielleicht?, schoss es mir durch den Kopf. Ich starrte Löcher in die Luft und presste die Lippen zusammen, um nicht laut los zu lachen.

„Wäre die Nachmittagsmittagssendung von fünfzehn bis neunzehn Uhr eine Option für dich?“

Option! Er hatte das böse Wort gesagt. Schlagartig fiel mein Humor in sich zusammen.

„Lulu? Hast du irgendwelche Einwände?“

„Ich? Nee. Ich hab’ keine Option.“

Sam zog eine Augenbraue nach oben und bedachte mich mit einem Blick, der wirklich alles bedeuten konnte. Aber sicher nicht das, was ich mir wünschte.

„Lulu, schaffst du es denn noch mit der frühen Schicht?“

„Hä? Weil ich einmal zu spät gekommen bin?“

„Nein, natürlich nicht deswegen“, entschuldigte er sich sofort. „Ich meine nur, weil du… ähm…“

Jetzt schob sich meine Augenbraue nach oben. „Sam, ich bin schwanger, nicht krank. Und ich halte mehr aus als man denkt. Du müsstest das doch am Besten wissen.“

Unsere Blicke trafen sich und blieben ineinander haften.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wandte er seinen Blick ab und räusperte sich. „Gerade deshalb bin ich der Meinung, du solltest dich etwas schonen. Es ist kein Problem, wenn du erst gegen acht oder neun in die Sendung einsteigst.“

Ich holte Luft. Die Hormone. Die blöden Hormone. „Keine Sorge, Sam. Du wirst mich noch früh genug los“, erwiderte ich schroff, stand auf und rauschte aus seinem Büro.

„Lulu!“ Gretchen war mir nachgelaufen und sah mich vorwurfsvoll an. „Du kannst Sam doch nicht einfach so sitzen lassen.“

„Warum nicht?“, fuhr ich herum. Ich spürte, wie es unter meinen Haarwurzeln zu pochen begann. „Er hat mich doch auch einfach so sitzen lassen? Und das nicht nur einmal.“

„Das mag ja sein. Aber das sollte vielleicht nicht gerade hier…“

Die vollständige Belegschaft schaute neugierig zu uns herüber, und auch Sam stand mit angehaltenem Atem in der Tür.

„Gsch!“, zischte ich scharf und die Kollegen wandten sich wieder ihrer Arbeit zu.

„Kommst du bitte noch mal rein, Lulu?“, sagte Sam in ruhigem, warmen Ton.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein!“

„Wie bitte?“

„Ich sagte: Nein!“

Kurz rang er um Fassung, und selbst Gretchen stöhnte auf.

„Wir haben den Dienstplan besprochen. Ich sehe mich absolut in der Lage, weiterhin die Frühstückssendung in ihrem vollen Umfang zu moderieren. Und aus die Maus.“

Er räusperte sich schon wieder. Gretchen tat es ihm gleich.

„Sagt mal, habt ihr ‚nen Frosch im Hals? Mir wird das zu blöd hier. Feierabend!“ Ich schnappte meine Tasche und verließ mit trotzig zusammengekniffenen Lippen und gerecktem Kinn den Sender.

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