Draußen angekommen, wehte mir ein sanfter Herbstwind um die Nase. Ich atmete tief ein und hoffte, sowohl Sam als auch Gretchen würden mir nicht nach draußen folgen. Bleibt wo ihr seid! Bleibt wo ihr seid!, flüsterte ich wie ein Mantra.
Es wirkte. Naja, teilweise und nur für einen Moment. Zuerst spürte ich Lottes Nase, die mich anstupste und energisch Streicheleinheiten einforderte. Dann hörte ich Schritte auf dem Kies.
„Lulu?“
„Was?“
„Wie geht es dir?“ Allegra kam langsam auf mich zu.
„Den Umständen entsprechend.“ Haha, wie doppelsinnig. Ich könnte kotzen.
Gedankenverloren kraulte ich Lotte hinter den Ohren. Ich wollte, dass sie wegging. Allegra, nicht Lotte. Letztere hätte ich am liebsten mit nach Hause genommen, um wenigstens einen Teil von Sam bei mir zu haben. Obwohl, das hatte ich ja schon. Wahrscheinlich den wertvollsten...
„Kann ich dir helfen?“, fragte Allegra sanft.
Ich warf ihr einen verächtlichen Blick zu. „Na, ganz bestimmt nicht.“
Allegra blieb unbeeindruckt. „Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher.“
Was sollte dieser Mist? Wollte sie mich beeindrucken? Oder unter Druck setzen? Was wollte sie überhaupt von mir? Allegra konnte echt froh sein, dass ich sie nicht auf der Stelle in der Luft zeriss. Schwangeren ist schließlich alles zuzutrauen.
„Lulu, ich könnte…“
Ich hob abwehrend beide Hände. „Mich einfach in Ruhe lassen, verstanden?“
Auf ihren ehrlich enttäuschten Blick fühlte ich mich nun doch mies. „Tut mir leid, Allegra. Aber ich möchte wirklich nicht reden.“
„Dann“, schlug sie mutig vor, „lass’ uns doch einfach ein bisschen spazieren gehen und zusammen schweigen. Und unterwegs futtern wir alle Eisdielen leer, die noch offen haben?“
Eis! Damit hatte sie mich. Definitiv! Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Bist ganz schön hartnäckig, was?“
Allegra schüttelte den Kopf. „Nein, eher geduldig.“
„Hm.“
Schweigend setzten wir uns in Gang. Lotte folgte uns.
Zu dritt schlenderten wir durch den Stadtpark Richtung Zentrum. Ich sog die Luft tief ein. Das mit dem Luftholen wurde echt zur Angewohnheit? Aber der Herbst hat seine eigene Poesie. Der Herbst ist die Zeit der Früchte, der Ernte und des bunten Laubes. Bei den Astern machte ich kurz Halt und strich mit den Fingern über die Stauden. Der Wind trug meine Gedanken zu Sam.
Wie konnte sich alles nur so entwickeln? Ganz leise hatte er sich in mein Herz geschlichen. Zaghaft, unbeholfen wie zwei Teenager haben wir zueinander gefunden – nur um gleich darauf wieder auseinander gerissen zu werden. Zueinander, auseinander. Auf, ab. Wie ein Jojo. Täglich grüßt das Murmeltier. Warum war ich nur so lange dem Irrglauben verfallen, mit dieser Situation dauerhaft umgehen zu können?
Nach etwa zwanzig Minuten stieß Allegra mich mit dem Ellenbogen an. Ich brauchte ein paar Sekunden, um mich außerhalb meiner Gedankenwelt wieder zurecht zu finden und war beinahe überrascht, sie zu sehen. Und ihren aubergine belackten Zeigefinger, der mit einer schwachen Linksneigung geradeaus deutete.
„Hm?“
Sie stupste mich erneut an und deutete mit Nachdruck auf eine kleine Eisdiele, vor der drei Bistrotische und Stühle standen. Sie war also noch offen.
„Hast ja schon einen an der Waffel, was?“
Allegra zuckte mit der Schulter und zog frech die Nase kraus, den Zeigefinger nun auf den Mund gelegt.
„Definitiv hast du einen an der Waffel“, stellte ich kopfschüttelnd fest.
Lotte war das egal. Sie hob schnüffelnd ihre platte Nase und trabte zielstrebig voran.
Der Außenbereich der Eisdiele war übersichtlich bis stark eingeschränkt. Ich manövrierte mich und meinen inzwischen beachtlichen Sechsmonatsbauch zwischen den eng beieinander stehenden Tischen und Stühlen hindurch, als ein Witterungsweichei im Kaschmirmantel aus dem Innenbereich stürmte. Entweder hatte er gerade seinen Chef am Ohr oder seine Schwiegermutter. Oder beide, denn er war extrem angespannt und verpasste mir einen nicht weniger extremen Rempler.
Durch mein einseitiges Übergewicht wankte ich nach vorn.
„Vorsicht!“ Blitzschnell hatte Allegra ihre Hand zwischen meinen Bauch und eine fiese Tischkante geschoben.
„Danke“, krächzte ich erstaunt und setzte mich. „Astreine Reaktion.“
Wieder zuckte sie nur mit den Schultern.
„Hey“, meinte ich, während ich die Eiskarte studierte, „wenn du mir versprichst, endlich mit den Entspannungsübungen aufzuhören, darfst du auch wieder reden.“
Allegra lächelte verlegen. Nach einer Weile fragte sie: „Hast du denn schon einen Namen?“
„Ludowika Luise. Steht sogar in meinem Personalausweis.“
Ihre makellose Stirn legte sich in Falten. „Weißt du, das mag ich an dir. Deine spontane, offene, witzige und natürliche Art. Und Sam auch.“
Ich sah von der Karte auf. Auch meine Stirn legte sich in Falten. In wesentlich mehr Falten als ihre. „Was ist das eigentlich für ein Spielchen, das du hier treibst?“
Betroffen ließ sie sich im Klappstuhl zurückfallen. „Ich spiele hier keine Spielchen. Aber... ich kann sehr wohl nachvollziehen, dass du mir nicht traust.“
„Du hast mir bislang auch noch nicht so viel Anlass dazu gegeben.“
Allegra senkte den Kopf. „Das stimmt. Und eigentlich würde ich mir auch nicht trauen.“ Etwas schien sie zu beschäftigen. Und offensichtlich auch zu belasten.
Wir bestellten einen Diät- und einen Maxieisbecher und eine Tüte Gummibärchen.
„Haben Sie auch Ketchup?“
Etwas befremdet nickte der Kellner.
„Na, bitte.“
Allegra räusperte sich.
Ich schnaubte. „Oh, bitte tu’ das nicht. Davon habe ich heute echt die Schnauze voll. Apropos“, rief ich den Kellner noch einmal zurück. „Bitte noch eine Kinderportion in einer flachen Schale, ja?“
Lotte schloss die Bestellung mit einem tiefen „Mumpf!“ ab.
„Sie ist sein Liebling. Lotte. Sie ist Sams Liebling.“
Allegra wusste, dass ich das wusste. Irgendetwas wollte sie loswerden und nutzte das für den Einstieg. Also nahm ich eine offene Haltung an, sah ihr fest in die Augen und schwieg.
Sie setzte zu einem Räuspern an, besann sich aber rasch und erklärte: „Sie war ein Geschenk. Ich habe sie ihm geschenkt.“
Überrascht hob ich die Augenbrauen.
„Sie war so klein, dass sie genau in seine Hand passte“, lächelte Allegra versonnen. „Okay, Sam hat große Hände, aber sie war so winzig. Total zerknautscht sah sie aus, hat ihn vor Aufregung sogar vollgepinkelt. Und er hat sie vom ersten Augenblick an geliebt.“
Ich lächelte bei der Vorstellung und kraulte Lotte hinter dem rechten Ohr.
Da platzte Allegra heraus: „Und Sam war meine große Liebe.“
Das Lächeln gefror mir im Gesicht. Allegras große Liebe? War ich jetzt im falschen Film?
„Er ist es immer noch... irgendwie. Aber jetzt...“ Sie stockte.
Und mir stockte der Atem, als sie fortfuhr. „Ich weiß nicht, ob du die Geschichte kennst? Von seinem Unfall?“
Langsam schüttelte ich den Kopf.
„Vor fünf Jahren ist Sam... nun ja, er hat sich ab und zu mal was reingezogen.“
„Reingezogen?“, wiederholte ich träge.
Allegra wollte mit den Schultern zucken, hielt jedoch in der Bewegung inne. „Bisschen Koks, manchmal.“
„Bisschen Koks? Manchmal?“ Ich wäre spontan vom Glauben abgefallen, hätte ich jemals einen gehabt. „Nee, ne?“
„Hey, von dem Zeug ist er weg“, versicherte sie mir und griff nach meiner Hand, die schlaff auf dem Tisch lag. „Er hat auch nie viel genommen. Nur ab und zu auf Partys.“
Das müssen ja wilde Partys gewesen sein? Ich war erschüttert.
Allegra rieb sich die Stirn. „Seit dem Unfall hat er auch nie wieder irgendwas genommen. Sowieso hat er sich seitdem verändert. Als er wieder zu sich gekommen ist, hat er sein ganzes Leben umgekrempelt. Sofort mit Muskeltraining angefangen, Ernährung umgestellt und so’n Kram.“
„Ist er völlig zugekokst gegen einen Baum gefahren, oder was?“
Sie schüttelte den Kopf und seufzte schwer. „Er wollte was besorgen, weil eine riesige Fete bei einem seiner sogenannten Kumpels stattfinden sollte. Mit diesen Typen hat er allerdings auch nichts mehr zu tun“, beteuerte sie, was mich jetzt nur geringfügig beruhigte. „Koks wird ja nun nicht im Supermarkt nebenan verkauft.“
Ach, was?
„Er war also mit seinem Dealer in einer ziemlich zwielichtigen Gegend verabredet und hatte gerade sein Koks bekommen, als...“ Ihre Stimme brach. „...als man ihn hinterrücks mit einem Messer angriff. Sieben Mal wurde auf ihn eingestochen, anschließend mit einem Baseballschläger fast totgeprügelt.“
Entsetzt schlug ich mir mit der Hand auf den Mund. In Highspeed rief ich mir das Bild von Sams nacktem Körper ab. Und untersuchte es gedanklich auf Narben.
„Lulu? Was denkst du, weshalb er diesen riesigen Drachen über den gesamten Rücken und seine Schulter hat tätowieren lassen?“
Da begannen sich die Rädchen in meinem Kopf zu drehen und die Erkenntnis rastete mit einem leisen Klick! ein.
Marc? Zwei Jahre saß er in Jugendhaft, weil er einen Mann niedergestochen, fast totgeschlagen und ausgeraubt hatte. Hinterrücks angegriffen und mit einem Baseballschläger lebensgefährlich verletzt. Seine Worte klangen mir noch in den Ohren.
4 leselustige Meinungen:
Boah, das wird ja noch der reinste Krimi. Soviel Spannung am frühen Morgen.
Und wieder bis morgen warten *grummel*
LG Claire
Wie gemeiiiiiiiiiin!
Jetzt hätt ich gern die nächsten beiden Teile!
Na guuuuuut, dann halt doch warten, obwohl das ja wohl langsam an Folter grenzt. *find*
Bis morgen,
*d*iana
Du meine Güte! Ich warte hier sehnsüchtig darauf, dass die zwei sich endlich in die Arme fallen und du haust einem so ne Mörderszene um die Ohren. Der arme Sam. Hoffentlich kann Lulu in bald trösten und die Betonung liegt auf "bald", weil ich das so langsam kaum noch aushalten kann :-))
LG Una
und wieder heißt es warten auf das nächste "Häppchen"...... mein Gott ist das spannend ....kann man nicht mal einen Tag eine Ausnahme machen und 2 Teile veröffentlichen, das ist ja die reinste Qual hier....kicher....lg Silvia
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