Herzblatt (2011)

Es gibt Tage, da wünscht man sich, im Bett geblieben zu sein. Und doch verändern sie dein Leben so, dass du es dir gar nicht mehr anders vorstellen möchtest. Ohne Action und trotzdem mit zahlreichen blauen Flecken. Auf Körper und Seele.

Lulu verliert zwei Jobs, einen Traum und ihr Selbstwertgefühl. Was sie bekommt, ist ein emotionales Jojo, wahre Freundschaft und eine intrigante Widersacherin. Das Leben wäre auch sonst langweilig.

Die ehemalige Lektorin lebt mit ihrem Ex und dessen neuer Liebe unter einem Dach und findet ihre Bestimmung als Moderatorin beim Radio. Und Sam, der sprichwörtlich mit einem Knall in ihr Leben tritt. Der jedoch steht zwischen zwei Frauen und hat allerlei Mühe, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie gut, dass es Freunde wie Gretchen und Oliver gibt, die dabei gerne behilflich sind.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Herzblatt – Kapitel 52

„Richtig kombiniert“, beobachtete Allegra scharf. „Es war Marc.“

Der Kellner servierte und ich hätte mir am liebsten den Eislöffel in den Hals gerammt, um in die Eisschale zu erbrechen.

Allegra gönnte mir nur eine kurze Verschnaufpause. „Jaqueline war es, die ihn gefunden und den Notarzt verständigt hat. Er wäre in dieser Gasse sonst elendig verreckt.“

Ich fand ihre Wortwahl nicht sonderlich sensibel, konnte jedoch den scharfen Unterton, mit dem sie den Namen ihrer Freundin aussprach, nicht überhören.

„Ich war damals schon über ein Jahr in Sam verknallt“, fuhr sie heiser fort. „Er war eng mit meinem Bruder befreundet. Der übrigens hat sich kurz nach dem Überfall das Hirn weggekokst.“

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Wie gebannt starrte ich sie an.

Wieder griff Allegra nach meiner Hand. „Geht’s noch? Oder soll ich lieber den Mund halten?“

Ich legte die andere auf ihre und fragte, ehrlich besorgt: „Allegra? Die Frage ist: Kannst du noch?“

Sie schluckte und ihr Kinn bebte leicht. „Es tut gut, dass du mir zuhörst. Dass ich das alles mal loswerden kann.“

„Dann rede bitte weiter.“

Und das tat sie. Jaqueline wollte sich aufspielen, ein paar Drogen beschaffen und dann bei der Party der großen, coolen Jungs einlaufen und Eindruck schinden. Nur deshalb konnte sie Sam finden und den Notruf aktivieren. Zwar waren sie und Allegra bereits seit Kindertagen befreundet, jedoch nie besonders eng. Beide waren unbestreitbar bildhübsch und jeder Mann mit Augen im Kopf drehte sich nach ihnen um. Mit Jahren jedoch wuchs nicht nur die Körbchengröße, sondern auch das Gefühl der Konkurrenz. Sam war die perfekte Beute – von Allegra gejagt und von Jaqueline erlegt.

„Sam lag drei Monate im Koma. Als er aufwachte, war sie sofort zur Stelle. Die große Retterin.“ Allegra spuckte die Worte förmlich aus.

„Und du...?“

„Ich spielte die beste Freundin, nur um in seiner Nähe bleiben zu können.“ Die Verachtung sich selbst und diesem Verhalten gegenüber war deutlich in ihren Augen zu erkennen. Scheiße.

Ich sog etwa zwanzig Liter Luft durch die Nase.

„Sag’s schon.“

„Was?“

„Dass ich ein verlogenes Miststück bin, dem man nicht trauen kann.“

„Ich denke vielmehr, du warst verdammt verzweifelt. Und verdammt jung. Dein Bruder hat sich das Hirn weggekokst, das würde mich auch erst Mal aus der Bahn werfen.“

„Fünf Jahre lang?“

Darauf wusste ich keine Antwort. Ich drückte ihre Hand, meine andere hatte sie die ganze Zeit über festgehalten.

„Ich will das nicht mehr, Lulu. Ich ertrage es einfach nicht mehr“, vertraute sie mir atemlos an. „Als Jaqueline dann diese Schwangerschaft vorgetäuscht hat, kam ich mir so elend und dreckig vor. Ich war inzwischen so in der Rolle der besten Freundin, dass ich Sam genauso belog und betrog wie sie, indem ich geschwiegen habe. Und als Jacky dann...“ Allegra brach in Tränen aus.

Ich reichte ihr eine Serviette. „Dass Enrico dich vergewaltigen sollte, habe ich erst viel später erfahren. Spätestens da hätte ich etwas unternehmen müssen.“

„Und was? Glaubst du wirklich, diese Frau könntest du unter Kontrolle bringen?“

Resigniert schüttelte sie den Kopf. „Das nicht. Aber ich hätte klare Verhältnisse schaffen können, Sam die ganze Wahrheit erzählen.“

„Und hätte er dir geglaubt?“

Schulterzucken.

„Oliver und ich haben es versucht. Mit dem Ergebnis, dass Sam reagierte als hätte er Tollwut. Nur ohne Schaum vorm Mund.“

Kollektives Seufzen.

„Das ist bestimmt so ein Dingsbumssyndrom. Lebensrettungsdingens oder so.“ Ich hörte mich ja an wie eine unterbelichtete Gestörte? Bei der Flut an schockierenden Informationen, die ich innerhalb einer Stunde erhalten hatte, fühlte ich mich allerdings auch so.

„Ich hatte Angst, ihn zu verlieren“, gestand Allegra kleinlaut ein.

Wie zwei Trauerweiden saßen wir uns nun gegenüber und Lotte ließ ein leises Winseln unter dem Tisch verlauten. Passt.

Allegra stocherte abwesend in ihrer Diätbrühe. Strohhalme wären jetzt nicht schlecht.

Sam hatte gekokst? Der ganze Kerl strotzte nur so vor Gesundheit. Er war quasi das personifizierte Körperbewusstsein. Und dann hatte er sich Drogen reingezogen? Das konnte ich einfach nicht glauben. Ich wollte es nicht, also schob ich den Gedanken von mir weg. An dessen Stelle trat Marc. Die Tatsache, dass er einen Menschen halbtotgeprügelt hatte, hatte mich damals betroffen gemacht. Die Gewissheit, dass Sam es war, den er beinahe umgebracht hätte, schockierte mich zutiefst.

Ich versuchte nachzuvollziehen, ob es diese Nahtoderfahrung war, die Sam dazu bewogen hat, Marc während und nach seiner Haftzeit zu fördern? War es vielleicht der Auslöser dafür, ein besserer Mensch zu werden, sein Leben völlig umzukrempeln? Und welche Stellung nahm Jaqueline ein? Fühlte er sich aus Dank ihr gegenüber verpflichtet? Wurde aus dieser Dankbarkeit Liebe?

„Sie ist so mutig und stark und gnadenlos ehrlich“, unterbrach Allegra meinen Gedankenfluss, während ich mir Gummibärchen mit Ketchup in den Mund schob.

„Gretchen?“, fragte ich. Von Jaqueline konnte sie doch wohl nicht sprechen?

„Alles, was ich nicht bin.“

„Hmhm.“

„Ich bin auch nicht lesbisch, wenn du das meinst.“

„Hmhm.“

„Aber...“ Sie ließ dieses Wort in der Luft hängen und starrte auf meine Gummibärchen. Ordentlich in kleinen Grüppchen der Farbe nach sortiert und dann in Zweierreihen aufgestellt.

„Greif’ zu.“

„Was?

Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. „Beides.“

„Gummibärchen und Ketchup?“ Ihr bildhübsches Gesicht verzog sich zu einer Fratze.

„Gummibärchen und Gretchen.“

Allegra seufzte schwer.

„Du hast mein Gretchen ja ganz schön durcheinander gebracht. Die Gute war nach eurem Geknutsche völlig von der Rolle.“

„Ich auch.“

„Was empfindest du für sie?“

Allegra tunkte gedankenverloren ein grünes Gummibärchen in den Ketchup, steckte es sich in den Mund und verzog kurz darauf angewidert das Gesicht. „Bäh!“

„So?“

„Nein, nein!“, rief sie hastig und fuchtelte mit den Händen. „Nein. Es war, als ich sie das erste Mal gesehen habe, damals im Gericht. Da war so ein Kribbeln in meinem Bauch, das ich mir nicht erklären konnte. Und auch nicht wollte“, ergänzte sie zerknirscht. „Aber jetzt wurde es mit jedem Tag stärker, an dem ich sie gesehen habe. Seit dem Vorfall, als Jaqueline im Sender war und sie dich so mutig verteidigt hat, weiß ich, dass ich mich in Gretchen verliebt habe. Ich weiß nur nicht, ob sie genauso für mich empfindet?“ Ein hoffnungsvoller Schimmer lag in ihrem Blick, als sie mich ansah.

„Das kann ich dir auch nicht sagen, Allegra. Aber wenn du es ehrlich meinst und deine Gefühle tief sind, dann kämpfe und schere dich nicht darum, was andere denken könnten. Nur was Gretchen denkt und empfindet ist wichtig. Versuche, ihr Herz zu gewinnen.“ Ich wurde den Verdacht nicht los, dass Letzteres keine große Schwierigkeit sein würde. Ich hatte den Glanz in Gretchens Augen gesehen.

„Du meinst...? Das wäre okay?“

„Meinen Segen hast du“, erklärte ich trocken und schob ein paar weiße Bärchen nach. „Aber wenn du ihr wehtust, bringe ich dich um und lasse es wie einen Unfall aussehen.“

„Geht klar“, antwortete sie lässig und drückte wieder meine Hand. „Und wir? Ich meine, zwischen uns? Ist jetzt alles geklärt und du hasst mich nicht mehr?“

„Hey, ich teile meine Gummibärchen mit dir. Braucht es noch mehr?“

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