Herzblatt (2011)

Es gibt Tage, da wünscht man sich, im Bett geblieben zu sein. Und doch verändern sie dein Leben so, dass du es dir gar nicht mehr anders vorstellen möchtest. Ohne Action und trotzdem mit zahlreichen blauen Flecken. Auf Körper und Seele.

Lulu verliert zwei Jobs, einen Traum und ihr Selbstwertgefühl. Was sie bekommt, ist ein emotionales Jojo, wahre Freundschaft und eine intrigante Widersacherin. Das Leben wäre auch sonst langweilig.

Die ehemalige Lektorin lebt mit ihrem Ex und dessen neuer Liebe unter einem Dach und findet ihre Bestimmung als Moderatorin beim Radio. Und Sam, der sprichwörtlich mit einem Knall in ihr Leben tritt. Der jedoch steht zwischen zwei Frauen und hat allerlei Mühe, die richtige Entscheidung zu treffen. Wie gut, dass es Freunde wie Gretchen und Oliver gibt, die dabei gerne behilflich sind.

Samstag, 25. Juni 2011

Herzblatt – Kapitel 55

Während ich noch den Atem anhielt, war Jaqueline wortlos aufgestanden und hatte den Raum verlassen. Sie versuchte, Sams Blick einzufangen, doch der starrte stur auf die Tischplatte.

Na, wenigstens meinen Schluckauf war ich jetzt los.

Als sich die Anspannung im Raum allmählich zu lösen begann, stand ich auf. Diese Sache war wohl gelaufen, meine Sendung noch nicht.

Sam erhob sich ebenfalls. „Lulu… ich…“ Ein einfaches Es tut mir leid waren nicht die Worte, die er für ausreichend und angemessen hielt. Und er wusste, dass ich das wusste. Also schüttelte er nur schwach den Kopf und griff nach meiner Hand.

Auch ich konnte nicht in Worte fassen, was ich empfand. Ich hätte ihn gerne in die Arme genommen und getröstet. Ich sehnte mich so unglaublich nach ihm, seiner Nähe, seiner Wärme und seiner Kraft. Ja, ich gebe zu, sein Auftreten hatte mich mehr als beeindruckt.

„Wir…“, setzte er erneut an und hielt wieder inne.

„Jeder von euch hat Wahrheiten erfahren, die erst einmal verdaut werden müssen“, warf Allegra ein.

Ich war ihr dankbar dafür, denn nun konnte ich mich zusammenreißen und nicht ausschließlich von Gefühlen leiten lassen. „Sam, ich bringe gerade Ordnung in mein Leben. Das alles hier macht es nicht gerade leichter. Du hast nun auch einiges aufzuarbeiten und wirst erst einmal Ordnung schaffen müssen. In deinem Leben. Das wird Zeit brauchen.“

Er kniff kurz die Lippen zusammen und nickte bestätigend. „Das klingt vernünftig.“

„Sind wir doch alle“, seufzte Allegra leise. „Jetzt. Mehr oder weniger.“

Bevor Sam meine Hand losließ, strich er mit dem Daumen sanft kleine Kreise über meinen Handrücken. Er sah müde aus, älter, abgekämpft, desolat. Als sei sein gesamtes Weltbild vor ihm in Trümmern gefallen. Was wohl auch so war. Und der mörderische Kater, den er noch dazu hatte, war sein geringstes Problem.

Natürlich waren alle Blicke auf uns geheftet, als sich die Küchentür öffnete und jeder zurück an seinen Arbeitsplatz ging.

Ich huschte so schnell es ging ins Aufnahmestudio und bremste dann überrascht vor meinem Pult ab. „Marc?“

„Ich war nur hier, um zu sagen, dass ich Montag wieder komme. Da wurde stante pede eine Vertretung für dich benötigt“, erklärte er mit einem hinreißenden Lächeln, „und für dich tue ich bekanntermaßen ja alles.“ Er stand auf und gab mir zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange.

„Äh… danke.“

Für einen Augenblick fühlte ich mich befangen. Doch dann kam Sam kurz herein, klopfte Marc einmal kräftig auf die Schulter und sagte: „Danke fürs Einspringen.“

„Klar doch!“

Das Verhältnis zwischen den beiden war so entspannt wie zwischen großem und kleinem Bruder, von dem der eine dem anderen mal einen Finger in der Tür eingeklemmt hatte. Nichts weiter. Und ich fragte mich, worüber ich mir Gedanken machte?

Marc spielte die Werbung ein und schaute besorgt zur mir. „Bist du okay? Wie geht es dir?“

Ich seufzte. „Wenn ich gewusst hätte, was in diesem Leben alles auf mich zukommt, ich schwöre, ich hätte den rechten Hoden meines Vaters niemals verlassen.“

„Oh!“

„Marc“, setzte ich nun an, weil es mir wichtig erschien. „In den letzten beiden Tag meinte die Welt wohl, es ziemlich genau mit der Wahrheit und Wahrheiten an sich nehmen zu müssen, und ich hab’ meinen Teil auch abgekriegt und ebenfalls nicht vergessen, dass du damals auch ganz ehrlich mit mir warst, wofür ich dir dankbar bin und was ich dir sehr hoch anrechne, und deshalb möchte ich auch ganz offen zu dir sein und dir sagen, dass ich weiß, dass Sam es war... Du sollst wissen, dass ich es weiß und dass es okay ist, und das wollte ich dir nur sagen.“

Marcs starrte mich mit offenem Mund an.

„Ich bin fertig.“

Er blinzelte kurz. „Du hast das alles gesagt, ohne auch nur ein einziges Mal Luft zu holen.“

„Ja.“

„Danke.“

Ich nahm in kurz in die Arme und hatte dabei das gute Gefühl, dass nun alles geklärt war.

Auf die Nacharbeit wollte ich heute verzichten, das war ohnehin kein Problem. Marc war noch leicht verschnupft und verabschiedete sich direkt nach der Sendung bis kommenden Montag. Ich hielt nach Allegra Ausschau.

„Allegra dreht gerade eine Runde mit Lotte, müsste gleich wieder hier sein.“

„Ist gut, dann warte ich.“

„Tee?“ Sam legte den Kopf schief und sah mich an wie ein kleiner Junge, der Gänseblümchen verteilt.

Ich runzelte die Stirn. „Ich glaube, einen Kaffee kann ich jetzt schon mal vertragen.“

„Und er?“ Sam kam näher. Kaum berührte seine Hand wie zufällig meinen Bauch, als das Getobe auch schon wieder losging. „Willst du das echt riskieren?“

„Hm“, machte ich und ließ die Schultern hängen. „Vielleicht sollte ich es mal mit stillem Wasser probieren?“

Sein kurzes Lachen tat gut, war beruhigend, und gab mir das gute Gefühl, dass er sein Leben wieder in den Griff bekommen würde.

Das Mittagsprogramm lief an und der Moderator spielte einen Song von Pink ein. Ich sah zu Sam auf und er erwiderte mein Lächeln.

Pretty, pretty please, don’t you ever, ever feel
like your less than fuckin’ perfect?
Pretty, pretty please, if you ever, ever feel
like your nothing:
You’re fuckin’ perfect to me…

Nachdem Sam sich bei seinen Mitarbeitern für das Debakel entschuldigt und ihnen für Verständnis und Einsatz gedankt hatte, und nachdem ich Allegra versichert habe, wie unglaublich couragiert sie war und ihr meine Bewunderung ausdrückte, war für mich Feierabend. Endlich Wochenende! Und damit verbunden hoffentlich ein wenig Ruhe und Erholung.

„Ach, wie gut, dass ich Sie noch antreffe, Lulu“, empfing mich Emma, als ich vollbeladen zur Haustür hineinstolperte. Auf dem Rückweg hatte ich unseren Wochenendeinkauf erledigt.

„Lassen Sie mich Ihnen mal etwas abnehmen, das ist doch viel zu schwer für dich!“

„Ähhhphhh…“ Völlig überrumpelt hielt ich ihr zwei Tüten entgegen. „Danke, Misses Jackson.“

„Emma. Bitte sag’ doch Emma zu mir, ja?“

„Gerne“, antwortete ich glücklich. Ihre ruhige, warme Präsenz löste augenblicklich Wohlbehagen in mir aus. Und ich liebte ihren leichten amerikanischen Akzent. Und die Tatsache, dass sie sich offenbar nicht entscheiden konnte, Sie oder Du zu mir zu sagen.

„Misses Jackson“, tadelte Björn und nahm wiederum ihr die Tüten aus der Hand. „Ihr Kaffee. Und du“, Wangenkuss und ebenfalls tadelnder Blick, „sollst gefälligst auch nicht so schwer heben.“

„Hey, ich trage seit Wochen diese Kugel mit mir herum. Wie viel schwerer könnte ich noch tragen?“

„Abwarten“, grinste Emma und kramte in ihrer riesigen Tasche. „Mein Sohn wog bei seiner Geburt über zehn Pfund. Da hatte ich ordentlich zu pressen, sage ich euch.“ Sie winkte mich zu sich.

Mit Tyson auf dem Arm versuchte ich mich aus meiner Jacke zu befreien, hängte sie an die Garderobe und folgte Björn in die Küche.

Auf dem Tisch hatte Emma ein paar Babyschühchen, eine Babyjacke, einen winzigen Schal und ein Mützchen ausgebreitet. In beige und hellblau und…

„Mein Gott, ist das alles selbst gehäkelt?“ Ich berührte die Kleidungsstücke ehrfürchtig. „Das ist ja wunderschön.“

„Ja?“, rückversicherte Emma sich. „Gefällt es dir?“ Sie nahm das Jäckchen und legte es mir auf den Bauch, dann nickte sie zufrieden.

„Für mich?“

„Nein“, schüttelte sie den Kopf. „Ich glaube, du passt da nicht mehr rein. Aber für den Kleinen da drin dürfte es reichen.“ Sie zwinkerte frech.

Ich musste bei ihrem Anblick prusten. „Sie sind ja ‚ne richtige Tischrakete, Emma.“

„Du. Ich bin du, ja?“ Lachend schlang sie ihre Arme um meinen Hals. „Ich mag dich, Lulu.“

„Ich mag dich auch, Emma.“

Wir kicherten und Björn rollte mit den Augen. „Mädchen!“

2 leselustige Meinungen:

Diana hat gesagt…

Na, nu sollte sich das aber mal tiefenentspannt anlassen! Also ich bin dafür! ;-)
Wie schön zu wissen, dass er jetzt erstmal alles weiß und nicht ständig so tut als wäre es nicht so. Und die Mama ist ja herzallerliebst, ich seh sie richtig vor mir! Die mag ich!

Schönen Samstag und bis morgen,
*d*

Una hat gesagt…

Wann? Ja wann denn nu fallen sie sich endlich in die Arme und ich muss nicht mehr jeden Abend zappelig darauf warten, dass es endlich wieder morgens ist, damit ich weiß, wie es weitergeht. Herrje, wenn ich auf diese Art ein Buch lesen müsste, hätte ich es längst an die Wand gepfeffert und ich liebe Bücher über alles *G*. Ich bin wirklich ein geduldiger Mensch aber das hier übersteigt sogar meine persönliche Zappelgrenze *gg*

LG Una
die geduldig auf den langersehnten Kuss mit zugehöriger Umarmung wartet *soifz*