„Lulu, du hast den Jackpott geknackt!“
Als ich am Donnerstagabend von meinem Gynäkologentermin bei Frau Doktor Schnecke und anschließendem Tratschnachmittag mit Gretchen zurückkam, empfing mich Tyson mit gewohntem Regentanz und meine beiden Hausmänner mit ausgestreckten Armen.
„Du hast dein Traumhaus. Und hier“, Alex wedelte mit einem einzigen Stück Papier in der Luft herum, „ist dein Kaufvertrag. Du musst nur noch unterschreiben.“
„Hä?“ Die ganze Woche über musste ich meine Gesichtsmuskulatur angestrengt unter Kontrolle halten, um nicht zu sabbern, und war quasi den halben Tag krampfhaft bemüht, Sam nicht zu offensichtlich anzuschmachten. Meine Energie neigte sich dem Ende zu. Meine Hirntätigkeit ebenfalls. „Was iss los?“
Zehn Minuten später saßen wir bei Frikadellen und Pellkartoffeln am Küchentisch und ich starrte ungläubig aus dem Fenster.
„Das ist jetzt deins.“ Alex streichelte meine Hand, während Björn ein wenig wehmütig dreinblickte. „Nächste Woche kannst du schon rein. Und stell’ dir vor, Emilia wird kommen und bei der Renovierung helfen. Hatte ich schon mal erwähnt, dass sie Innenausstatterin ist? Sie hat sich auf Vintage und Landhaus spezialisiert. Das ist doch, was dir so gut gefällt? Oder, Lulu? Luuu-luuu?“
„Hä?“
„Hast du mir nicht zugehört?“
Ich schüttelte mich kurz, als ob ich mich selbst aufwecken könnte. „Ich... ich hab’ nur überlegt, ob du in deinem Satz auch irgendwo Komma und Punkt versteckt hattest?“
Er schob mir eine halbe Kartoffel in den Mund.
„Wiefo gehg baff jech fo fnell?“
„Wieso geht das jetzt so schnell“, wiederholte Björn. Ganz der Logopäde.
Alex lehnte sich lässig im Stuhl zurück und grinste frech. „Herr Sperling zieht zu seiner Freundin.“
„Der hat ‚ne Freundin?“
„Er hat eine Freundin.“ So langsam begann Björn zu nerven.
„Und was ist mit Neuseeland?“
Alex grinste süffisant. „Er sieht jetzt ganz neues Land.“
„Wann kommt Emilia?“ Ich freute mich wahnsinnig auf Alex’ Zwillingsschwester. Vom ersten Augenblick war sie mir sympathisch gewesen. Damals, an seiner und Björns Verlobung. Damals, als Sam sich so schmerzlich von mir verabschiedetet hatte. Damals. Aber jetzt war heute.
Er stand auf und holte die Karaffe mit energetischem Wasser aus irgendeinem Vulkangestein. „Sie kann leider erst kommenden Sonntag einfliegen, aber hat schon eine Liste mit Materialien gefaxt, die wir... die du dir bitte ansehen möchtest. Sie kann sie dann direkt in Italien ordern.“
„Hallo?“, stoppte ich seine Euphorie. „Den unbegrenzten Kreditrahmen möchte ich keinesfalls unbegrenzt ausschöpfen.“
„Schatz, lass’ nur. Wir haben das alles im Griff. Und Emilia bekommt Prozente, von denen andere nur träumen.“
Nun gut, dann würde ich jetzt mal träumen. Von meinem Häuschen, meinem neuen Leben. Und von Sam...
„Hallöchen, ihr Süßen!“
„Günni!“ Marc und ich hatten gerade unsere letzte gemeinsame Sendung beendet, und ich stellte rasch die Teetasse auf meinem Schreibtisch ab. „Was machst du denn schon hier?“
Günni, der meine Sendung übernommen hatte, bekam ich nun leider kaum noch zu Gesicht, da das Herzblatt erst um zweiundzwanzig Uhr startete.
Mit ausgebreiteten Armen tänzelte er auf mich zu.
„Lulu-Schatz!“ Er busselte mich ab, umfasste meine Hände und begutachtete meine dicken Bauch. „Himmel, das wird ja ein Prachtkerl.“
In der Tat, dachte ich. Gestern konnte Frau Doktor Schnecke endlich das Geschlecht bestimmen. Das Baby hatte wohl ein enorm hohes Schamgefühl und sich bislang immer geschickt gedreht, wenn das Ultraschallgerät auf meinem Bauch zum Einsatz kam. Nur gestern schien es nicht schnell genug und die Gynäkologin konnte mir sagen, was ich ohnehin schon wusste. Little Sam wird ein Junge.
„Gut, dass ich euch drei hier zusammen antreffe.“ Er fuchtelte mit den Händen wie ein Pantomime und ich spürte, dass Sam hinter mir stand. „Bin nur auf der Durchreise, weil ich gleich Marie und Oliver vom Flughafen abhole. Und genau deshalb bin ich hier.“
„Du brauchst mein Navi?“
„Z-z-z.“ Er strich sich eine Augenbraue glatt und verdrehte die Augen.
Sam tat es mit einem Schulterzucken ab.
„Nein“, säuselte er. „Ich habe – zugegeben etwas kurzfristig – beschlossen, morgen eine Party für die beiden zu geben. Es ist schon alles vorbereitet“, fügte er hinzu, bevor ich meine Hilfe anbieten konnte. „Ihr wisst ja, dass Marie noch vor Schuljahresende mit diesem groben Klotz, verzeih’ mir bitte, Sam... ins Exil geschickt wurde. Und deshalb möchte ich die Party ganz nach dem Motto Abschlussball gestalten. Zieht euch also bitte angemessen an.“
Ich sah an mir hinab.
„Ach, Liebchen“, tätschelte Günni behutsam meinen Bauch. „Für euch zwei wird sich doch auch noch was Schickes finden lassen, oder?“
Ich dachte an das schwarze, lange Seidenkleid mit dem tiefen Ausschnitt und der üppigen Strassbrosche an der Raffung, welches ich vor einer Woche anprobiert und bewundert hatte. Ich hielt es für unnütz, da nicht davon auszugehen war, dass ich in den kommenden zwei Monaten den Wiener Opernball besuchen würde. Doch Mama war so angetan davon, dass sie es kurzerhand mit in die Tüte packte. Ich bemerkte es erst bei meiner After-Shopping-Revival-Party mit Alex und Björn. Was waren Mütter doch manchmal so weitsichtig. Selbst meine.
„Dann sehe ich euch morgen um acht auf dem Prinzenhof?“
Wir nickten begeistert.
Beim Hinausgehen rief er uns noch zu: „Gretchen und Allegra sind natürlich auch eingeladen. Sagt ihr den Dämchen bitte Bescheid?“
Wieder nickten wir wie drei Synchronschwimmer.
„Sag’ mal“, fragte ich Sam, als von Günnis Schuhen kein Geklapper mehr zu hören war. „Was hast du mit Maries Ex zu tun?“
Er zuckte mit dem Schultern. „Nichts.“
Marc beugte sich zu mir hinab und erklärte: „Es ging um den Klotz. Als Zweig kann man Sam ja nun nicht bezeichnen.“
Little Sam strampelte zustimmend und verursachte kleine, aber deutlich sichtbare Beulen auf meinem Bauch.
Ich war sicher, ein stummes „Wow!“ auf Sams Lippen gesehen zu haben.
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