Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen stand Björn Samstagabend an der Treppe und starrte zu mir hinauf. „Du hast noch nie so schön ausgesehen.“
„Ich war auch noch nie so schwanger“, gab ich grantig zurück.
Allerdings musste auch ich mir eingestehen, dass ich mich noch so schön gefühlt hatte. Über drei Stunden wurde ich von Alex frisiert und rasiert. Ja, rasiert! Er legte höchsten Wert darauf, dass sich unterhalb meines Kinns kein einziges Härchen mehr an meinem Körper befand. Sogar mein nicht vorhandenes Oberlippenbärtchen hatte er mir gewachst, weil ein unvorhergesehener Lichteinfall unvorteilhafte Schatten auf mein Gesicht werfen könnten. So ein Blödsinn! Er verpasste mir Pediküre und Maniküre, zupfte meine Augenbrauen wie es ein türkischer Barbier nie hätte besser machen können, ölte meinen Bauch ein, und schminkte mich so natürlich, dass ich diesen Zustand am liebsten in alle Ewigkeit eingefroren hätte. Kurz, es war die perfekte Rundumerneuerung.
„Au! Wofür war das denn?“ Björn rieb sich die Stelle auf seiner Brust, der ich einen kräftigen Schlag verpasst hatte.
„Dafür, dass du mich hässlich genannt hast“, keifte ich.
„Hab’ ich doch gar nicht. Ich sagte...“
„Dass Lulu noch nie so schön ausgesehen hat.“ Alex legte mir eine Hand auf den fast nackten Rücken. Der Ausschnitt meines Kleides zog sich bis fast zum Po. Die beiden V-förmigen Träger wurden nur von einer Kette zusammen gehalten, die jedoch geschickt den Verschluss meines BHs überdeckte.
Ich stemmte die Fäuste in die Hüften. „Also fandest du mich vorher hässlich.“
„Fand ich gar nicht“, schmollte mein Ex-Mann. „Nur heute bist du besonders schön.“
Ich drängte mich gespielt beleidigt an ihm vorbei und begutachtete zum x-ten Mal mein Spiegelbild. Der Ausschnitt vorne war nicht weniger gewaltig als der am Rücken. Er ging bis direkt zwischen meine Brüste und endete in der großen Strassbrosche. Darunter raffte sich das Kleid und der Seidenstoff ergoss sich über die Rundung meines Bauchs wie flüssiges Gold. Nur in Schwarz eben. Schwarz war auch die Spitze, die kaum merklich darunter hervor lugte. So war es gedacht. Sagte zumindest Alex. Meine Mutter hätte sicher so lange gezupft und notfalls mit doppelseitigem Klebeband gearbeitet, bis von der Unterwäsche nichts mehr zu sehen gewesen wäre. Aber auf meine vorübergehende Oberweite war ich echt stolz. Schade nur, dass nach der Entbindung nicht mehr viel davon übrig bleiben würde.
Über die Schulter hinweg bemerkte ich, wie Björn und Alex sich anschubsten und grinsten. Sie machten sich wohl gerade über mich lustig? Ich drehte mich abrupt zu ihnen um.
„Du siehst umwerfend aus“, bestätigte Alex noch einmal. Sein Mundwinkel zuckte.
„Ich werde mir den Arsch abfrieren“, knurrte ich. Wehe, er lachte.
„Mit dieser Unterwäsche schon“, merkte Björn amüsiert an und zuckte mit den Schultern. „Bringst du sie trotzdem wieder mit nach Hause?“
Ich schloss die Augen, seufzte und rieb mir die Stirn.
„Pass auf dein Make up auf.“
„Ist das nicht knutschfest?“
„Doch“, versicherte Alex Björn und erblödete sich, hinzuzufügen: „Ich habe die Theaterschminke genommen, damit Sam nicht alles an Hemd und Hose hat.“
Wut stieg in mir hoch. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht augenblicklich zu entmenschen. „Ihr seid solche Arschgeigen“, giftete ich sie an. „Und ich bin so froh, hier bald draußen zu sein! Ich hab’s euch tausend Mal erklärt: Sam und ich sind nur Freunde, nichts weiter. Jeder von uns muss jetzt erst einmal...“
„Sein Leben auf die Reihe bekommen und Ordnung schaffen. Ja, Lulu. Wir haben dir sehr wohl zugehört. Und verstanden. Aber ein bisschen Träumen darfst du uns doch lassen, oder?“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann träumt gefälligst leiser.“
Synchron küssten sie mir die Wangen. „Du wirst Ballkönigin und...“ Den Rest des Satzes ließen sie in der Luft hängen. Ihr Glück.
Der Prinzenhof lag Außerhalb, war aber dennoch leicht zu finden. Die ehemaligen Stallungen waren zu Wohnungen umgebaut worden, in denen Günni, Oliver und Marie mit ihrer Tochter, Maries Sohn aus erster Ehe und dessen Freundin, und Olivers Schwester nebst Lebensgefährten wohnten. Full House, sozusagen. Als Kind hatte ich mir immer gewünscht, auf einem Bauernhof aufzuwachsen. Aber meine Eltern wollten mich ja nicht zu Adoption freigeben.
„Darf ich Sie hineinbegleiten, schöne Frau?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, hakte sich Marc bei mir ein und begleitete mich zum Eingang.
Dort wurden wir schon von Günni erwartet. Wie ein durchgeknalltes Huhn hüpfte er im Türrahmen auf und ab. „Hach, wie schön, dass du endlich kommst, Lulu. Und du siehst einfach“, er legte eine Hand auf seine Brust und täuschte eine nahende Ohnmacht vor, „bezaubernd aus. Komm’ rein!“
„Ich bin auch noch hier“, runzelte Marc ein bisschen verschnupft die Stirn.
Günni warf ihm einen flüchtigen Blick zu. „Jaja, und du siehst auch ganz nett aus.“
Er führte mich durch den Flur in den Wohnbereich, der so perfekt dekoriert war, dass er tatsächlich das Ambiente einer Schulaula hatte.
„Lulu! Lulu!“ In einem limonengrünen Kleid, das ihre nougatfarbene Haut schimmern ließ als sei sie aus Bronze, schwebte mir Marie entgegen. Sie blieb vor mir stehen, bestrahlte meinen Bauch, nahm mich dann herzlich in die Arme und küsste mich auf beide Wangen. „Ist das schön, dich endlich mal wieder zu sehen. Wie geht es dir? Wie fühlst du dich?“
„Alles bestens“, versicherte ich ihr. „Und du? Habt ihr euch gut erholt? Wie war es auf den Malediven?“
„Herrlich“, schwärmte Marie. „Total entspannt und ruhig.“
„Anders als hier, wie ich gehört habe?“ Olivers Stimme drang in mein Ohr, er hatte seine Hände in meine Hüfte gelegt. „Hallo, Herzblatt.“
Ich drehte mich zu ihm um und drückte ihn fest. „Schön, dass du wieder da bist. Du hast mir echt gefehlt.“
Oliver lächelte gütig. „Das hatte ich gehofft. Aber du hast es ja auch gut ohne mich gemeistert.“
Sein Zwinkern verriet mir, dass er nicht von der Moderation sprach.
„Ich hatte Hilfe.“
Er rieb sich den Nacken. „Mit dieser Hilfe hätte ich allerdings nicht gerechnet.“ Sein Blick flog durch den Raum und blieb bei Allegra hängen.
„Ich auch nicht.“ Ich sah mich um. Gretchen winkte mir zu.
„Sam kommt später“, sagte Oliver, überzeugt, dass ich nach ihm suchte. „Er bringt seine Mutter zum Flughafen.“
Ich runzelte die Stirn. „Holt sie vom Flughafen.“
„Nein, bringt.“
„Sie war hier?“
„Sie wohnt hier“, klärte er mich auf. „Seit ein paar Monaten. Sie hatte einen Schlaganfall und da hat Sam sie aus den Staaten hierher geholt. Das wollte er damals schon, nach ihrem Unfall. Aber die nette Dame hat sich schlichtweg geweigert.“
„Emma?“, fragte ich in einer spontanen Eingebung. „Emma Jackson?“
Oliver nickte.
Alles klar.
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