„Boah, Süße!“ Gretchen kam auf mich zugelaufen als sei sie auf der Flucht. „Du siehst einfach hammermäßig aus.“
Ich wurde rot. So viele Komplimente auf einmal war mein von Natur aus schwächelndes Ego nicht gewohnt. „Danke, nur die Füße tun mir jetzt schon weh.“ Ich hob mein Kleid ein Stück und ließ die Riemchenpumps hervorblitzen. „Du siehst aber auch toll aus.“
Gretchen nahm es nur nickend zur Kenntnis und sah sich dann unbehaglich um.
„Wie steht es denn eigentlich zwischen dir und ihr, deren Name nicht genannt werden darf?“, fragte ich deshalb geradeaus.
Meine beste Freundin beugte sich zu mir vor und flüsterte: „Wir sind zusammen.“ Dabei blickte sie beschämt zu Boden. „Also... irgendwie... glaube ich.“
„Irgendwie?“
Bevor Gretchen mir dieses Irgendwie näher erklären konnte, stand Allegra neben ihr. Ich sah, dass sie nach ihrer Hand greifen wollte, die Gretchen jedoch sofort in ihrer Handtasche verschwinden ließ.
Allegra begrüßte mich mit Wangenkuss, räusperte sich dann und fragte: „Was soll ich uns denn zu trinken holen?“
Ich bemerkte, dass Gretchen sie nicht ansah. „Wasser wäre lieb, Allegra. Und du? Gretchen?“
„Hmhm.“
„Hmhm?“
„Cola. Bringst du mir bitte eine Cola mit?“
Allegra nickte und sah dabei etwas traurig aus.
Ich griff nach ihrem Arm. „Am besten mit Schuss, damit die Bügelstation hier ein bisschen lockerer wird.“
„Was sollte diese Bemerkung?“, schnauzte Gretchen mich an, als Allegra außer Hörweite war. „Ich bin doch keine Bügelstation!“
„Aber locker bist du auch nicht.“ Ich legte meinen Arm um ihre Schulter. „Was ist los? Seid ihr nun ein Paar oder nicht? Irgendwie iss nicht. Oder hast du die Hosen voll?“
Gretchen versteifte sich unter meinem Arm. Ich nahm ihn weg. „Was heißt Hosen voll? Ich... ich bin...“
„Verliebt?“
Sie nickte zögerlich. „Und wir haben...“
„Miteinander geschlafen?“
Wieder nickte sie und das Blut schoss ihr ins Gesicht.
„War’s gut?“
„Hmmm.“ Ihre Ohren waren jetzt so rot, dass ich dachte, sie würden gleich noch anfangen zu hupen.„Sie ist so einfühlsam, Lulu“, kam Gretchen nun ins Schwärmen. „Ganz anders als man sie sonst kennt. Nicht die Businessfrau, sondern total romantisch und witzig. Sie trägt mich auf Händen.“
„Und weshalb ziehst du deine dann weg?“
Sie schnappte nach Luft. „Die Leute...“
Ich stöhnte. „Ist nicht wahr, oder? Du machst dir Gedanken über das, was die Leute sagen oder denken könnten? Und du verschwendest keinen Gedanken daran, wie sehr du Allegra damit verletzt? Hast du dir mal überlegt, dass es ihr sicher nicht weniger schwer fallen könnte als dir, sich öffentlich zu einer Frau zu bekennen?“
„Ja. Doch“, erwiderte sie zerknirscht. „Aber sie ist so schön.“
„Und du bist das auch. Das hat Allegra mir gesagt. Und dass du klug und mutig bist. Das weiß ich zwar alles, aber es hat doch einen ganz anderen Stellenwert, wenn sie dich so sieht. Außerdem, was hat das Aussehen damit zu tun?“
Darauf wusste sie auch keine Antwort. Jedenfalls keine plausible. „Das ist jetzt alles irgendwie...“, stotterte sie daher.
Irgendwie verstand ich Gretchen ja. In Gedanken verglich ich mich mit Jaqueline, die selbst mit diesem hasserfüllten Ausdruck im Gesicht noch bildschön ausgesehen hatte, und fragte mich, wie und was Sam überhaupt in mir gesehen hatte?
Ich schüttelte den Kopf, seufzte und strich Gretchen zart über die Wange. „Schätzelein, was habe ich dir schon mal gesagt? Vom klugen Khalil Gibran? Hm? Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken, denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf. Weder Ort noch Zeit noch Stand spielen eine Rolle, wenn man sich liebt. Hast du das verstanden?“
Sie sah über meine Schulter hinweg und nickte.
Allegra kam mit unseren Getränken, reichte mir das Wasser, Gretchen ein hochprozentig riechendes Cola und nickte ebenfalls über meine Schulter hinweg. „Hi, Sam.“
Überrascht drehte ich mich um. Normalerweise konnte ich seine Anwesenheit spüren, darauf war ich mächtig stolz. Allerdings stand er gut fünf Meter von mir entfernt und schien verzückt über den Anblick meines Hecks. Jedenfalls lächelte er und zwinkerte mir verschmitzt zu.
„Gut drauf heute Abend?“, neckte ich ihn und errötete, als mir die Zweideutigkeit der Frage bewusst wurde.
Es schien ihm ebenfalls aufgefallen zu sein und er lachte kurz. „Wenn ich mich auf deiner Tanzkarte eintragen darf?“
„Dann stell’ dich gefälligst hinten an. Sie gehört jetzt erst einmal mir.“ Günni war wie aus dem Nichts aufgetaucht, schob seinen Arm unter meinen und zog mich in die Mitte des Raums, die als Tanzfläche diente.
Während wir tanzten, versuchte ich Sam im Auge zu behalten. Er trug Jeans, die tief auf den Hüften saßen und wahrscheinlich von seinem unglaublich knackigen Hintern gerutscht wären, hielt nicht ein rustikaler Gürtel sie an ihrem Platz. Ein dunkelgraues Jackett, das eindeutig maßgeschneidert war und darunter ein weißes T-Shirt aus reiner Maulbeerseide. Es lang eng an seiner Brust und zeichneten deutlich das Spiel seiner Muskeln ab.
„Lulu-Schatz? Du sabberst gleich.“ Günni war Taktgefühl offenbar völlig fremd.
„Tu ich gar nicht.“
„Tust du wohl. Und ich kann’s verstehen“, säuselte er. „Ich war auch noch mal kalt duschen. Aber ich gönne dir Sam ja von Herzen.“
Mitten im Tanz hielt ich inne. „Wir sind nur gute Freunde, Günni. Mehr nicht.“
„Aber natürlich, Liebchen. Wie Oliver und Marie auch.“
Ich spähte zu Sam hinüber. Er legte den Kopf schief und sah mich fragend an.
„Günni“, hoffte ich auf sein Verständnis. „Du weißt – das setze ich jetzt einfach mal voraus – was für eine Scheiße gerade gelaufen ist. Es wäre völlig unvernünftig, sich jetzt... Also, alles braucht eben seine Zeit und...“
„Glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken, denn die Liebe, wenn sie...“
„Ich kenn’ den Spruch“, fiel ich ihm unwirsch ins Wort.
„Na, siehste.“
„Darf ich mal?“ Marc drängte sich an Günni vorbei und streckte mir seine Hand entgegen. Günnis Protest ignorierte er.
Ich war ganz froh über die Unterbrechung, denn mein Hirn brauchte eine Auszeit. Es war viel zu sehr damit beschäftigt, meine Sehnsucht nach Sam zu in Schach zu halten. Denn die war alles andere als rein freundschaftlich.
Doch so laut konnte meine Vernunft gar nicht schreien, dass ich mein Herz nicht mehr hörte.
Ich griff nach Marcs Hand. Leider lief gerade ein Song aus den Achtzigern an. Foreigner.
I’ve been waiting for a girl like you to com into my life.
I’ve been waiting for a girl like you, your loving will survive.
I’ve been waiting for someone to make me feel alive…
Ein bisschen verkrampft lagen meine Hände auf Marcs Schultern, während er sich behutsam an mich schmiegte. Seine Wange ruhte an meinem Kopf.
Sams Miene verfinsterte sich zusehends. Und wohl deswegen trat plötzlich Oliver auf den Plan.
„Darf ich?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, löste er mich aus Marcs Griff. „Ich habe Hausrecht.“
Ich kam mir inzwischen vor wie ein Joint, der die Runde macht.
„Vorsichtshalber sollte ich dich darauf aufmerksam machen, dass ich nicht tanzen kann“, grinste er und schaute zu Boden. „Und ich sehe meine Füße nicht.“
„Das ist nicht meine Schuld.“
„Na?“, machte er und legte skeptisch seine Stirn in Falten. „Du warst schließlich dabei.“
„Könnten wir bitte mal dieses Thema lassen?“, bat ich ihn inständig. „Die Hormone machen mich schon triebig genug.“
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