Ich muss mich bei euch entschuldigen. Irgendwie sind hier die Kapitel durcheinander geraten. Schätzungsweise ist das beim Vorbereiten der Posts passiert (geht immer nur in begrenzter Anzahl, weil Blogger sonst blockiert, sodass ich das nur über mehrere Wochen verteilt erledigen kann).
♥ Mama Mia (2006) ♥
Mia muss am eigenen Leib schmerzlich feststellen, dass Blut nicht immer dicker als Wasser ist und vieles anders als es scheint. Doch wer fällt, lernt wieder aufzustehen und sein Leben neu anzupacken. Das beginnt mit einem außergewöhnlichen Babysitter, geht über eine Veränderung im Job und hört beim Liebesleben der besten Freundin noch lange nicht auf. Dann ist da noch Arne, der Mias Gefühlswelt in ungeahnte Höhen und Tiefen treibt.
Und unbemerkt an ihrer Seite geht bereits der Mann fürs Leben …
Mittwoch, 10. Februar 2010
ღ Manuskript zerfleddert? ღ
Ich muss mich bei euch entschuldigen. Irgendwie sind hier die Kapitel durcheinander geraten. Schätzungsweise ist das beim Vorbereiten der Posts passiert (geht immer nur in begrenzter Anzahl, weil Blogger sonst blockiert, sodass ich das nur über mehrere Wochen verteilt erledigen kann).
ღ Mama Mia Teil 79 ღ
„Sag’ mal...“ Leandra sieht mich am Samstag Nachmittag an, als wäre ich eine Außerirdische. „Ich kapier’s nicht. Wo, bitte schön, ist dein Problem?“
Ich brühe mir einen Senseo und stelle die Tasse scheppernd auf dem Tisch ab. „Fängst du jetzt auch noch damit an?“ Das frage ich mal sicherheitshalber, weil ich die Antwort auf ihre Frage selbst nicht so genau kenne.
„Bitte, erklär’s mir. Mal so für ganz Doofe“, wird sie zynisch.
Ich schiele zu Sam und Lasse hinüber. Jetzt sagt doch auch mal was!
„Jou“, meint Sam. „Ich würd’s auch gerne verstehen können.“
Ich verdrehe die Augen und verpasse Lasse mit der Rückhand einen Klaps gegen den Oberarm. Er ist meine letzte Hoffnung.
„Zia“, brummt er. „Ich hätte Psychologie studieren sollen. Dann würde ich dich jetzt vielleicht verstehen?“
„Oh, Mann!“, stöhne ich und strecke die Hände gen Himmel. Da kommt mir eine Idee. „Phil... Also, in unserer Freizeit sind wir Freunde und auf der Arbeit sind wir Verbündete. Das kann ich ja jetzt wohl haken.“
„Warum?“, kommt es völlig synchron aus drei Mündern. Haben die das einstudiert?
„Ja, weil er jetzt mein Chef sein könnte.“
„Könnte!“, betont Leandra und hebt den Zeigefinger so dicht unter meine Nase, dass ich Angst habe, er verschwindet darin auf Nimmerwiedersehen.
„Meinst du, er ist weniger dein Freund, wenn er befördert wird?“ Lasse schüttelt ungläubig den Kopf.
„Mit dieser gehobenen Position könnte er sich verändern...“, murmle ich und stoße unerwartet auf Verständnis.
„Könnte er, ja.“ Leandra knabbert verstohlen an einem Keks. „Es könnte tatsächlich sein“, meint sie dann, „dass er nicht mehr dein Freund sein wird. Aber vielleicht will er das ja auch gar nicht?“
„Hey!“ Das geht mir nun doch eine Spur zu weit! Aus Langeweile widmet er mir bestimmt nicht so viel Aufmerksamkeit. Und ein Heuchler ist er schon mal gar nicht. „Wir SIND Freunde.“
„Seid ihr nicht“, beharrt sie, „wenn er mehr will als nur Freundschaft?“
„Äh...“ Ich schlucke trocken ab.
„Du kannst nicht“, schiebt Leandra sich noch einen Keks nach, „mit jemandem ins Bett steigen oder steigen wollen und hinter noch immer ‚nur Freunde’ sein“, behauptet sie.
Ich verkneife mir jeden Kommentar.
Sam nicht. „Doch, das geht“, erklärt er bestimmt.
Leandra und Lasse werden hellhörig. Langsam drehen sich ihre Köpfe und zwei Augenpaare fliegen zwischen Sam und mir hin und her. Gut, dass Mara gerade ihre Mutti besucht.
Ich kratze mich am Kopf und überlege fieberhaft, was ich dazu jetzt sagen soll. Unnötig, denn Lasse und Leandra schauen sich kurz an, grinsen und behalten sich jeden weiteren Kommentar vor.
„Wie kommst du eigentlich darauf“, frage ich Leandra nach einer Weile, „dass Phil mehr von mir wollen könnte als nur Freundschaft?“
„Na, wäre ich Kerl, würde ich’s wollen. Und wäre ich ein anständiger Kerl, würde ich’s genauso machen wie er.“
„Wie macht er es denn, bitteschön?“ Mann! Verstehe mal einer die Künstler. Meiner Ansicht nach sind Autoren nämlich Künstler.
„Er ist außerordentlich aufmerksam. Er ist immer für dich da, wenn du ihn brauchst. Er hört dir zu. Ihm ist deine Familie, sind deine Kinder wichtig“, zählt sie auf.
„Na, und?“, erwidere ich schnippisch. „Das alles macht Sam auch.“
Ich höre, wie seine Hand gegen die Stirn klatscht.
Leandra grinst. „Jou. Ihr beide ward ja schließlich auch miteinander im Bett!“
Ich schnappe nach Luft. „Fü-nününü-nününüüüü! Saaaam!“
„Ohne meinen Anwalt sag’ ich gar nix mehr!“, grinst er und sagt tatsächlich nichts mehr.
„Wie ging’s denn dann eigentlich weiter?“, fragt Lasse. Ich dachte, Männer sind nicht neugierig? „Leandra hat mir erzählt, dass ihr dort übernachtet und am nächsten Tag abgebaut habt?“
Ich friemele eine Zigarette aus der Schachtel und packe sie umgehend wieder zurück, als mein Blick auf Leandras zartes Bäuchlein fällt. „Naja, Fritz hat Amalie ziemlich in den Senkel gestellt. Leichenblass kam sie aus dem Gebäude und hat sich dann ziemlich schnell verabschiedet.“
„Gefeuert?“
„Keine Ahnung“, zucke ich mit den Schultern. „Sie sah jedenfalls so aus. Fritz konnte Tiziana mitteilen, dass ihrer Beförderung nichts im Wege steht und hätte am liebsten gleich die Verlobung seines Enkels bekannt gegeben.“
„Johannes und Tiziana verloben sich?“ Leandra reißt begeistert die Augen auf.
„Quatsch! Das war jetzt nur so gemeint.“
„Und Phil?“
Ich seufze. „Der hat sich für den Rest des Abends verkrümelt.“
„Wohin?“
Nochmal seufzen. „Zu ein paar Mädels von der Projektbetreuung. Unser Mister Charming ist nämlich sehr beliebt.“
„Wundert dich das?“ Leandra lehnt sich zurück. „Gib’ mal ‚ne Kippe.“
„Nix iss!“ Ein überraschend harter Ton von Lasse. Aber recht hat er!
Leandra schmollt und friemelt ersatzweise am Papier der Kekspackung. „Und in der Nacht?“
„Wir haben ja in der Jugendherberge, drei Gebäude weiter, gepennt. Jeder in seinem eigenen Zimmer“, füge ich schnippisch hinzu und strecke ihr die Zunge raus. „Wir sind gesammelt hingelaufen und am nächsten Morgen gesammelt zum Abbau. Etwa zwanzig Leute.“
„Und Phil hat nichts mehr wegen gestern Abend gesagt?“ Leandra will’s ganz genau wissen.
Ich mache ein überhebliches Gesicht. „Hey, wir haben hart gearbeitet. Da spart man sich die Luft und quasselt nicht sehr viel.“
„Vielleicht“, murmelt Sam, „ist er ja auch enttäuscht?“
Ich schaue ihn ratlos an. „Enttäuscht? Von was?“
„Von deiner Aktion, als Arne mit seiner Familie aufgetaucht ist? Von deiner Reaktion auf die Kleinigkeit, das sein Vater der Großkotz ist? Davon, dass es manchmal ziemlich schwer ist, dich zu verstehen?“
„Umpf!“
Inzwischen haben wir unsere Labersession nach draußen verlegt. Die Luft ist lau und die Gartenmöbel schreien geradezu, besetzt zu werden.
„Sag’ mal, Sweety“, sagt Sam und hilft mir, einen Stein auf das riesige Loch zu hieven, das Buffy und Spike im Schildkrötensommergehege gebuddelt haben. „Was empfindest du eigentlich für Phil? Wenn du ganz, ganz ehrlich zu dir bist?“
Die Antwort darf ich ihm schuldig bleiben, weil meine Mutter gerade jodelnd in den Garten kommt. „Juhuuu, ihr Lieben!“, ruft sie fröhlich. „Ihr seid ja alle da?“ Tri-tra-trullala! Sie schleppt einen prall gefüllten Wäschekorb.
„Das ist ja... meine Wäsche?!“
„Sorry“, murmelt Sam, „hab’ ich vergessen, dir zu sagen, sie war...“
„Meine Kleine“, stellt Mama den Korb vor meine Füße, „ich war gestern da und hab’ mir ein bisschen von deiner Wäsche geholt.“
Na? Wo bleibt das unterschwellige ‚damit deine Kinder mal wieder was sauberes zum anziehen haben’?
„Du hast ja schon genug am Hals. Ich dachte, ich tu’ dir mal was Gutes. War doch recht, oder?“
„Ähä...“ Ich bin völlig überrumpelt. „D-d-d-danke, Mama.“
„Ach“, winkt sie ab, „ich bring’s gleich rein.“
Ungläubig starre ich ihr nach.
„So, jetzt noch mal zum Thema.“
„Thema? Welches Thema?“
Sam schüttelt den Kopf. „Das Thema, von dem wir den ganzen Nachmittag schon reden. Phil. Phil. Und nochmals Phil.“
Ich schiebe unschuldig die Unterlippe nach vorn. „Dachte, damit wären wir fertig?“
„Noch nicht...“
„Habt ihr denn keine eigenen Probleme?“ Versonnen streichle ich Buffy und Spike und füttere sie mit frischen Obststückchen.
So wie Sam jedoch aussieht – und auch den Blicken nach zu urteilen, die mir Leandra und Lasse zuwerfen – ist das Thema lange nicht abgeschlossen.
Vorerst.
Mit lautem ‚Wummsch’ knallt eine Autotür zu und nur Sekunden später kommt Florian in den Garten gerauscht. Kimi und Finn am Wickel.
„Es steht mir bis hier oben“, brüllt er und macht eine halsabschneiderische Geste. „Das ist ja nicht mehr zum aushalten!“
„HEY!“, brülle ich zurück, um seine Lautstärke noch zu übertreffen. Kimi und Finn stellen sich hinter mich und schlingen ihre Arme um meine Taille. „Jetzt komm’ mal wieder runter. Was ist denn los?“
„Deine Kinder“, beginnt er. Aha! Meine Kinder... „tun den ganzen Tag nichts anderes, als sich zu streiten. Sie hören für keine fünf Pfennig...“
„Cent!“, höre ich es leise hinter mir murmeln.
„Sie widersprechen in einem fort und haben null Respekt! Ständig diese Streitereien! Grrr!“
Ich schnappe nach Luft.
„Das tut ihr doch auch!“ Kimi lugt unter meinem Arm hervor und macht ein trotziges Gesicht.
„Ich streite doch gar nicht mit Papa“, verteidige ich mich.
Finn tritt nach vorn. „Aber der Papa mit der Goti.“
„Ou.“ Warum wundert mich das jetzt kein bisschen?
„Mia, das geht so nicht“, erklärt Florian bestimmt. Sein Blick richtet sich auf Sam. „Hier läuft in Sachen Erziehung grundsätzlich was schief.“
„Sag’ mal, hast du sie noch alle?“ Ich fühle mich persönlich angegriffen. Und es ist nicht nur ein Vorwurf an mich – er war auch eindeutig gegen Sam gerichtet. „Ich kann das, was du hier erzählst, in keinster Weise nachvollziehen. Kimi und Finn sind keine Engel. Es sind Jungs. Aber sie sind weder frech, noch respektlos. Sie streiten weniger als viele andere Kinder in ihrem Alter. Und wenn man ihnen sagt, was zu tun oder zu lassen ist, dann halten sie sich auch daran. Meistens. Warum sie ausgerechnet bei dir so sein sollen, wie du hier behauptest, möchtest du mir jetzt bitte mal plausibel erklären.“
„Äh...“ Das war scheinbar zuviel Text auf einmal für Florian. „Es ist doch nicht normal“, sagt er nach einer Weile und richtet sich nun direkt an Sam, „dass ein Kerl Tagesmutter spielt. Dazu noch einer mit Assisticker und Stäbchen in sämtlichen Körperteilen?“
„Das reicht“, packe ich ihn am Arm. Meine Stimme hebt sich gewaltig. „Wenn das so ist, dann darfst du gleich Montag in unserer Schule anrufen und dafür sorgen, dass sämtliche männlichen Lehrkräfte entlassen werden. Weil’s ja nicht normaaaal ist.“
Florian schnappt nach Luft.
„Kommt mal her“, winke ich meine Söhne herbei, die sich inzwischen hinter Sam versteckt haben. „Seid bitte ganz ehrlich, ja?“
Einträchtiges Nicken.
„Habt ihr euch gestritten? Gestern? Heute? Heftig?“
Nach kurzem Zögern und einem schnellen Blick Richtung Sam wippen ihre Köpfchen vorsichtig auf und ab.
„Ward ihr ein klein wenig frech? Oder habt mal nicht auf das gehört, was Papa oder Pia zu euch gesagt haben? Oder vielleicht mal widersprochen oder so?“
„’n büsschen...“, geben sie leise zu.
„’n bisschen mehr?“, hake ich nach. „Ich meine, weil der Papa doch ziemlich sauer ist?“
„Hmmm...“ Wieder schielen sie zu Sam.
„Der hat sie aufgehetzt!“, giftet Florian und zeigt mit dem Finger auf ihn.
Mir platzt gleich der Kragen. Sam dagegen hat wieder einmal seine Augenbraue schlafen gelegt und schüttelt enttäuscht den Kopf.
„Es... es tut uns Leid...“ Kimi und Finn trotten auf ihn zu. „Würkliiiich...“
„Ich versteh’s nicht, Jungs“, sagt Sam und geht vor ihnen in die Hocke. „Wie oft haben wir darüber geredet? Ziemlich oft, oder?“
„Jaaaa...“
„Ich dachte eigentlich, wir sind Kumpels? Und ich war davon überzeugt, dass ihr verstanden habt, was ich euch gesagt habe.“
„Haben wir ja auch...“
„Aber?“
„Die Pia iss doof...“ Kimis blaue Augen füllen sich mit Tränen.
Florian nimmt darauf keinerlei Rücksicht. „Hörst du deine verzogenen Gören?“, plustert er sich auf.
Er kann gar nicht so schnell reagieren, wie ich ihm eine geklebt habe. Erschrocken halte ich mir die Hand vor den Mund. „Oh, Gott!“
„Was war das?“ Finn dreht sich um.
Ich bin viel zu schockiert über mich selbst, um irgendetwas zu sagen.
Überraschenderweise kommt mir Florian selbst zu Hilfe. „Nur ‚ne Fliege auf meiner Backe.“
Ich kann nicht sagen, dass es mir leid tut. Dafür bin ich viel zu enttäuscht vom Vater meiner Kinder. Und das weiß er auch.
„Die Pia will uns nicht haben“, erzählt Kimi traurig. „Immer meckert sie, wenn wir mit dem Papa spielen oder schmusen wollen. Und dann fängt sie mit dem Papa an zu streiten.“
„Frühstück macht sie uns auch nie“, ergänzt Finn. „Und dann müssen wir dauernd leise sein, weil die Katze schläft.“
„Oder Pia.“
Finn nickt. „Oder Pia.“
Ich klopfe rhythmisch mit den Fingern auf den Gartentisch und sehe Florian erwartungsvoll an.
Er senkt den Blick und gibt dann leise zu: „Gut, Pia ist schon ein bisschen überfordert mit den Jungs.“
„Sie ist nicht überfordert mit den Jungs!“, kommt eine durchdringende, laute und enorm wütende Stimme auf uns zu. „Sie ist nur ein egoistisches, verzogenes Gör, das – schon seit sie ein Baby war – alle Aufmerksamkeit für sich beansprucht!“ Meine Mutter hat die Hände in die Hüften gestemmt. Ihr Kopf ist feuerrot. „Ich hab’s viel zu lange durchgehen lassen. Jetzt werde ICH mal ein Wörtchen mit meiner jüngsten Tochter sprechen!“ Sagt’s und rauscht ab.
Wir schauen ihr völlig perplex nach.
„Na?“, meine ich nach einigen Minuten der absoluten Stille zu Florian. „Sollte da nicht noch was kommen?“
Betreten wendet er sich an Sam. „Hey...“
„Nix für ungut, Alter“, seufzt dieser und hebt die Hand.
„Uuuund?“, werfe ich einen Blick auf Kimi und Finn.
Ein kleiner Schubs von Sam und sie trotten auf ihren Papa zu. „Tut uns leid, Papa.“
Leandra, die sich bis jetzt mit Lasse aus diesem kleinen Familienzwist herausgehalten hat, meldet sich zu Wort. „Trotz allem sollte hier eine Lösung gefunden werden, oder nicht?“
„Ich denke“, atmet Florian tief ein und langsam wieder aus, „wir sollten erst mal das Ergebnis dieses Mutter-Tochter-Gespräches abwarten.“ Zärtlich streicht er Kimi und Finn über den Kopf. „Denn die Wochenenden mit meinen Söhnen lasse ich mir nicht nehmen!“
Ich verdrehe unauffällig die Augen.
Dienstag, 9. Februar 2010
ღ Mama Mia Teil 78 ღ
„Nu, Mioor, meene Kleene! Doss worr soooouuuu scheen! Reschd vielen Dangg dafüorr!“, presst Dieter mich am folgenden Montag überschwänglich und überherzlich an seine Hühnerbrust.
Brutus hüpft aufgeregt auf und ab und sein Schwänzchen rotiert wie verrückt.
Dieters Begeisterung findet fast kein Ende. Meine Schulter ist schon ganz feucht. Bääääh!
Irgendwann fällt mein Blick auf den Aushang am Empfang: HEUTE AUSSERORDENTLICHE SITZUNG. 10.00 UHR. EMPFANGSHALLE.
„Was’n das?“, frage ich Dieter, der daraufhin endlich von mir ablässt. Unauffällig putze ich mir den Sabber von der nackten Schulter.
„Nu“, sagt er und schneutzt in sein Bettlaken, „dorr von Groußgotz hadd doss angeorrdned. Onne Samsdoach noch. Miorr sollen alle gommen. De Dische sinn ooch schon resorrviorrd.“
„Und aus welchem Grund?“, will ich wissen.
„Nu, doss haddorr nüschd gesochd.“
Ich zucke mit den Schultern und mache mich endlich auf in mein Büro. Auf meinem Tisch liegt ein Chrysopras. Ich kenne diesen Stein. Man nennt ihn auch den ‚Schutzstein der Raucher’. Ihm wird eine reinigende Wirkung nachgesagt. Er soll Adern und Blutgefäße von Stauungen und Ablagerungen befreien. Wichtiger ist in diesem Augenblick für mich jedoch, dass dem Stein ebenfalls nachgesagt wird, er hätte eine beruhigende Wirkung und helfe, neue Situationen besser zu verarbeiten...
Unter dem Stein finde ich einen Zettel. Guten Morgen, Hexe :o) Hab’ einen guten Start in die neue Woche. Kuss, Phil. Ich seufze. Schon wieder. So langsam wird das zur Gewohnheit. Aber mir wird warm ums Herz bei seinen Zeilen.
„Sag’ mal, Mia? Was ist denn da los?“ Wenige Minuten später werde ich regelrecht überfallen von Kolleginnen und Kollegen, die tatsächlich glauben, ich sei allwissend. „Wieso gibt’s denn eine außerordentliche Sitzung? Wird die Sorglos abgesägt? Sag’ schon!“ Wilde Spekulationen machen die Runde.
In meinem Büro geht’s zu wie in einem Hühnerstall. Und ich kann immer wieder nur schulterzuckend den Kopf schütteln. „Leute, tut mir Leid. Ich weiß echt rein gar nichts! Wirklich! Ischwöööör!“
Wildes Stimmengewirr und immer wieder ein Blinzeln in den Flur, ob Amalie Sorglos, Fritz von Großkotz oder Phil auftauchen.
„Leuteeee“, bitte ich irgendwann mal um Ruhe. „Die Versammlung ist um zehn in der Halle. Und nicht jetzt und nicht hier. Also... bitte.“
Nach und nach verdröseln sie sich und atme erst mal tief durch. Es ist kurz vor halb zehn. Und auch in mir nagt die Neugier, endlich zu wissen, was der Grund für diese Versammlung ist? Ich brühe mir einen Senseo auf und blicke gedankenverloren aus dem Fenster.
„Hi, Hexe.“
„Phil!“, überfalle ich ihn gleich. „Was ist denn los? Wozu diese Versammlung? Hier war schon...“
„Langsam, langsam“, tätschelt er mir beruhigend die Schulter.
Ich drehe mich um und gebe ihm einen Begrüßungskuss auf die Wange. So wie immer. Nur mit ein klein bisschen Bange, er könne es nach Freitag nicht mehr wollen.
Phil lächelt mich an. Er sieht müde aus, seine Stirn ist grüblerisch faltig. „Hör’ zu, Hexe...“
„Herr Schutz! Schnell!“ Sylwia stürzt keuchend ins Büro. „Der Kunde aus New Jersey!“
„Sorry, Mia. Aber...“ Schon ist er verschwunden.
Ich könnte Sylwia in den Hintern treten. Aber sie kann ja nix dafür...
Montag, 8. Februar 2010
ღ Mama Mia Teil 77 ღ
„Sag’ mal...“ Leandra sieht mich am Samstag Nachmittag an, als wäre ich eine Außerirdische. „Ich kapier’s nicht. Wo, bitte schön, ist dein Problem?“
Ich brühe mir einen Senseo und stelle die Tasse scheppernd auf dem Tisch ab. „Fängst du jetzt auch noch damit an?“ Das frage ich mal sicherheitshalber, weil ich die Antwort auf ihre Frage selbst nicht so genau kenne.
„Bitte, erklär’s mir. Mal so für ganz Doofe“, wird sie zynisch.
Ich schiele zu Sam und Lasse hinüber. Jetzt sagt doch auch mal was!
„Jou“, meint Sam. „Ich würd’s auch gerne verstehen können.“
Ich verdrehe die Augen und verpasse Lasse mit der Rückhand einen Klaps gegen den Oberarm. Er ist meine letzte Hoffnung.
„Zia“, brummt er. „Ich hätte Psychologie studieren sollen. Dann würde ich dich jetzt vielleicht verstehen?“
„Oh, Mann!“, stöhne ich und strecke die Hände gen Himmel. Da kommt mir eine Idee. „Phil... Also, in unserer Freizeit sind wir Freunde und auf der Arbeit sind wir Verbündete. Das kann ich ja jetzt wohl haken.“
„Warum?“, kommt es völlig synchron aus drei Mündern. Haben die das einstudiert?
„Ja, weil er jetzt mein Chef sein könnte.“
„Könnte!“, betont Leandra und hebt den Zeigefinger so dicht unter meine Nase, dass ich Angst habe, er verschwindet darin auf Nimmerwiedersehen.
„Meinst du, er ist weniger dein Freund, wenn er befördert wird?“ Lasse schüttelt ungläubig den Kopf.
„Mit dieser gehobenen Position könnte er sich verändern...“, murmle ich und stoße unerwartet auf Verständnis.
„Könnte er, ja.“ Leandra knabbert verstohlen an einem Keks. „Es könnte tatsächlich sein“, meint sie dann, „dass er nicht mehr dein Freund sein wird. Aber vielleicht will er das ja auch gar nicht?“
„Hey!“ Das geht mir nun doch eine Spur zu weit! Aus Langeweile widmet er mir bestimmt nicht so viel Aufmerksamkeit. Und ein Heuchler ist er schon mal gar nicht. „Wir SIND Freunde.“
„Seid ihr nicht“, beharrt sie, „wenn er mehr will als nur Freundschaft?“
„Äh...“ Ich schlucke trocken ab.
„Du kannst nicht“, schiebt Leandra sich noch einen Keks nach, „mit jemandem ins Bett steigen oder steigen wollen und hinter noch immer ‚nur Freunde’ sein“, behauptet sie.
Ich verkneife mir jeden Kommentar.
Sam nicht. „Doch, das geht“, erklärt er bestimmt.
Leandra und Lasse werden hellhörig. Langsam drehen sich ihre Köpfe und zwei Augenpaare fliegen zwischen Sam und mir hin und her. Gut, dass Mara gerade ihre Mutti besucht.
Ich kratze mich am Kopf und überlege fieberhaft, was ich dazu jetzt sagen soll. Unnötig, denn Lasse und Leandra schauen sich kurz an, grinsen und enthalten sich jeden weiteren Kommentar vor.
„Wie kommst du eigentlich darauf“, frage ich Leandra nach einer Weile, „dass Phil mehr von mir wollen könnte als nur Freundschaft?“
„Na, wäre ich Kerl, würde ich’s wollen. Und wäre ich ein anständiger Kerl, würde ich’s genauso machen wie er.“
„Wie macht er es, bitteschön?“ Mann! Verstehe mal einer die Künstler. Meiner Ansicht nach sind Autoren nämlich Künstler.
„Er ist außerordentlich aufmerksam. Er ist immer für dich da, wenn du ihn brauchst. Er hört dir zu. Ihm ist deine Familie, sind deine Kinder wichtig“, zählt sie auf.
„Na, und?“, erwidere ich schnippisch. „Das alles macht Sam auch.“
Ich höre, wie seine Hand gegen die Stirn klatscht.
Leandra grinst. „Jou. Ihr beide ward ja schließlich auch miteinander im Bett!“
Ich schnappe nach Luft. „Fü-nününü-nününüüüü! Saaaam!“
„Ohne meinen Anwalt sag’ ich gar nix mehr!“, grinst er und sagt tatsächlich nichts mehr.
„Wie ging’s denn dann eigentlich weiter?“, fragt Lasse. Ich dachte, Männer sind nicht neugierig? „Leandra hat mir erzählt, dass ihr dort übernachtet und am nächsten Tag abgebaut habt?“
Ich friemele eine Zigarette aus der Schachtel und packe sie umgehend wieder zurück, als mein Blick auf Leandras zartes Bäuchlein fällt. „Naja, Fritz hat Amalie ziemlich in den Senkel gestellt. Leichenblass kam sie aus dem Gebäude und hat sich dann ziemlich schnell verabschiedet.“
„Gefeuert?“
„Keine Ahnung“, zucke ich mit den Schultern. „Sie sah jedenfalls so aus. Fritz konnte Tiziana mitteilen, dass ihrer Beförderung nichts im Wege steht und hätte am liebsten gleich die Verlobung seines Enkels bekannt gegeben.“
„Johannes und Tiziana verloben sich?“ Leandra reißt begeistert die Augen auf.
„Quatsch! Das war jetzt nur so gemeint.“
„Und Phil?“
Ich seufze. „Der hat sich für den Rest des Abends verkrümelt.“
„Wohin?“
Nochmal seufzen. „Zu ein paar Mädels von der Projektbetreuung. Unser Mister Charming ist nämlich sehr beliebt.“
„Wundert dich das?“ Leandra lehnt sich zurück. „Gib’ mal ‚ne Kippe.“
„Nix iss!“ Ein überraschend harter Ton von Lasse. Aber recht hat er!
Leandra schmollt und friemelt ersatzweise am Papier der Kekspackung. „Und in der Nacht?“
„Wir haben ja in der Jugendherberge, drei Gebäude weiter, gepennt. Jeder in seinem eigenen Zimmer“, füge ich schnippisch hinzu und strecke ihr die Zunge raus. „Wir sind gesammelt hingelaufen und am nächsten Morgen gesammelt zum Abbau. Etwa zwanzig Leute.“
„Und Phil hat nichts mehr wegen gestern Abend gesagt?“ Leandra will’s ganz genau wissen.
Ich mache ein überhebliches Gesicht. „Hey, wir haben hart gearbeitet. Da spart man sich die Luft und quasselt nicht sehr viel.“
„Vielleicht“, murmelt Sam, „ist er ja auch enttäuscht?“
Ich schaue ihn ratlos an. „Enttäuscht? Von was?“
„Von deiner Aktion, als Arne mit seiner Familie aufgetaucht ist? Von deiner Reaktion auf die Kleinigkeit, das sein Vater der Großkotz ist? Davon, dass es manchmal ziemlich schwer ist, dich zu verstehen?“
„Umpf!“
Inzwischen haben wir unsere Labersession nach draußen verlegt. Die Luft ist lau und die Gartenmöbel schreien geradezu, besetzt zu werden.
„Sag’ mal, Sweety“, sagt Sam und hilft mir, einen Stein auf das riesige Loch zu hieven, das Buffy und Spike im Schildkrötensommergehege gebuddelt haben. „Was empfindest du eigentlich für Phil? Wenn du ganz, ganz ehrlich zu dir bist?“
Die Antwort darf ich ihm schuldig bleiben, weil meine Mutter gerade jodelnd in den Garten kommt. „Juhuuu, ihr Lieben!“, ruft sie fröhlich. „Ihr seid ja alle da?“ Tri-tra-trullala! Sie schleppt einen prall gefüllten Wäschekorb.
„Das ist ja... meine Wäsche?!“
„Sorry“, murmelt Sam, „hab’ ich vergessen, dir zu sagen, sie war...“
„Meine Kleine“, stellt Mama den Korb vor meine Füße, „ich war gestern da und hab’ mir ein bisschen von deiner Wäsche geholt.“
Na? Wo bleibt das unterschwellige ‚damit deine Kinder mal wieder was sauberes zum anziehen haben’?
„Du hast ja schon genug am Hals. Ich dachte, ich tu’ dir mal was Gutes. War doch recht, oder?“
„Ähä...“ Ich bin völlig überrumpelt. „D-d-d-danke, Mama.“
„Ach“, winkt sie ab, „ich bring’s gleich rein.“
Ungläubig starre ich ihr nach.
„So, jetzt noch mal zum Thema.“
„Thema? Welches Thema?“
Sam schüttelt den Kopf. „Das Thema, von dem wir den ganzen Nachmittag schon reden. Phil!“
Ich schiebe unschuldig die Unterlippe nach vorn. „Dachte, damit wären wir fertig?“
„Noch nicht...“
„Habt ihr denn keine eigenen Probleme?“ Versonnen streichle ich Buffy und Spike und füttere sie mit frischen Obststückchen.
So wie Sam jedoch aussieht – und auch den Blicken nach zu urteilen, die mir Leandra und Lasse zuwerfen – ist das Thema lange nicht abgeschlossen.
Vorerst.
Mit lautem ‚Wummsch’ knallt eine Autotür zu und nur Sekunden später kommt Florian in den Garten gerauscht. Kimi und Finn am Wickel.
„Es steht mir bis hier oben“, brüllt er und macht eine halsabschneiderische Geste. „Das ist ja nicht mehr zum aushalten!“
„HEY!“, brülle ich zurück, um seine Lautstärke noch zu übertreffen. Kimi und Finn stellen sich hinter mich und schlingen ihre Arme um meine Taille. „Jetzt komm’ mal wieder runter. Was ist denn los?“
„Deine Kinder“, beginnt er. Aha! Meine Kinder... „tun den ganzen Tag nichts anderes, als sich zu streiten. Sie hören für keine fünf Pfennig...“
„Cent!“, höre ich es leise hinter mir murmeln.
„Sie widersprechen in einem fort und haben null Respekt! Ständig diese Streitereien! Grrr!“
Ich schnappe nach Luft.
„Das tut ihr doch auch!“ Kimi lugt unter meinem Arm hervor und macht ein trotziges Gesicht.
„Ich streite doch gar nicht mit Papa“, verteidige ich mich.
Finn tritt nach vorn. „Aber der Papa mit der Goti.“
„Ou.“ Warum wundert mich das jetzt kein bisschen?
„Mia, das geht so nicht“, erklärt Florian bestimmt. Sein Blick richtet sich auf Sam. „Hier läuft in Sachen Erziehung grundsätzlich was schief.“
„Sag’ mal, hast du sie noch alle?“ Ich fühle mich persönlich angegriffen. Denn DAS war nicht nur ein Vorwurf an mich – er war eindeutig gegen Sam gerichtet. „Ich kann das, was du hier erzählst, in keinster Weise nachvollziehen. Kimi und Finn sind keine Engel. Es sind Jungs. Aber sie sind weder frech, noch respektlos. Sie streiten weniger als viele andere Kinder in ihrem Alter. Und wenn man ihnen sagt, was zu tun oder zu lassen ist, dann halten sie sich auch daran. Warum sie ausgerechnet bei dir so sein sollen, wie du hier behauptest, möchtest du mir jetzt bitte mal plausibel erklären.“
„Äh...“ Das war jetzt scheinbar zuviel Text auf einmal für Florian. „Es ist doch nicht normal“, sagt er nach einer Weile und richtet sich nun direkt an Sam, „dass ein Kerl Tagesmutter spielt. Dazu noch einer mit Assisticker und Stäbchen in sämtlichen Körperteilen?“
„Das reicht“, packe ich ihn am Arm. Meine Stimme hebt sich gewaltig. „Wenn das so ist, dann darfst du gleich Montag in unserer Schule anrufen und dafür sorgen, dass sämtliche männlichen Lehrkräfte entlassen werden. Weil’s ja nicht normaaaal ist.“
Florian schnappt nach Luft.
„Kommt mal her“, winke ich meine Söhne herbei, die sich inzwischen hinter Sam versteckt haben. „Seid bitte ganz ehrlich, ja?“
Einträchtiges Nicken.
„Habt ihr euch gestritten? Gestern? Heute? Heftig?“
Nach kurzem Zögern und einem schnellen Blick Richtung Sam wippen ihre Köpfchen vorsichtig auf und ab.
„Ward ihr ein klein wenig frech? Oder habt mal nicht auf das gehört, was Papa oder Pia zu euch gesagt haben? Oder vielleicht mal widersprochen oder so?“
„’n büsschen...“, geben sie leise zu.
„’n bisschen mehr?“, hake ich nach. „Ich meine, weil der Papa doch ziemlich sauer ist?“
„Hmmm...“ Wieder schielen sie zu Sam.
„Der hat sie aufgehetzt!“, giftet Florian und zeigt mit dem Finger auf ihn.
Mir platzt gleich der Kragen. Sam dagegen hat wieder einmal seine Augenbraue schlafen gelegt und schüttelt enttäuscht den Kopf.
„Es... es tut uns Leid...“ Kimi und Finn trotten auf ihn zu. „Würkliiiich...“
„Ich versteh’s nicht, Jungs“, sagt Sam und geht vor ihnen in die Hocke. „Wie oft haben wir darüber geredet? Ziemlich oft, oder?“
„Jaaaa...“
„Ich dachte eigentlich, wir sind Kumpels. Und ich war davon überzeugt, dass ihr verstanden habt, was ich euch gesagt habe.“
„Haben wir ja auch...“
„Aber?“
„Die Pia iss doof...“ Kimis blaue Augen füllen sich mit Tränen.
Florian nimmt darauf keinerlei Rücksicht. „Hörst du deine verzogenen Gören?“, plustert er sich auf.
Er kann gar nicht so schnell reagieren, wie ich ihm eine geklebt habe. Erschrocken halte ich mir die Hand vor den Mund. „Oh, Gott!“
„Was war das?“ Finn dreht sich um.
Ich bin viel zu schockiert über mich selbst, um irgendetwas zu sagen.
Überraschenderweise kommt mir Florian selbst zu Hilfe. „Nur ‚ne Fliege auf meiner Backe.“
Ich kann nicht sagen, dass es mir leid tut. Dafür bin ich viel zu enttäuscht vom Vater meiner Kinder. Und das weiß er auch.
„Die Pia will uns nicht haben“, erzählt Kimi traurig. „Immer meckert sie, wenn wir mit dem Papa spielen oder schmusen wollen. Und dann fängt sie mit dem Papa an zu streiten.“
„Frühstück macht sie uns auch nie“, ergänzt Finn. „Und dann müssen wir dauernd leise sein, weil die Katze schläft.“
„Oder Pia.“
Finn nickt. „Oder Pia.“
Ich klopfe rhythmisch mit den Fingern auf den Gartentisch und sehe Florian erwartungsvoll an.
Er senkt den Blick und gibt dann leise zu: „Gut, Pia ist schon ein bisschen überfordert mit den Jungs.“
„Sie ist nicht überfordert mit den Jungs!“, kommt eine durchdringende, laute und enorm wütende Stimme auf uns zu. „Sie ist nur ein egoistisches, verzogenes Gör, das schon – seit sie ein Baby war – alle Aufmerksamkeit für sich beansprucht!“ Meine Mutter hat die Hände in die Hüften gestemmt. Ihr Kopf ist feuerrot. „Ich hab’s viel zu lange durchgehen lassen. Jetzt werde ICH mal ein Wörtchen mit meiner jüngsten Tochter sprechen!“ Sagt’s und rauscht ab.
Wir schauen ihr völlig perplex nach.
„Na?“, meine ich nach einigen Minuten der absoluten Stille zu Florian. „Sollte da nicht noch was kommen?“
Betreten wendet er sich an Sam. „Hey...“
„Nix für ungut, Alter“, seufzt dieser und hebt die Hand.
„Uuuund?“, werfe ich einen Blick auf Kimi und Finn.
Ein kleiner Schubs von Sam und sie trotten auf ihren Papa zu. „Tut uns leid, Papa.“
Leandra, die sich bis jetzt mit Lasse aus diesem kleinen Familienzwist herausgehalten hat, meldet sich zu Wort. „Trotz allem sollte hier eine Lösung gefunden werden, oder nicht?“
„Ich denke“, atmet Florian tief ein und langsam wieder aus, „wir sollten erst mal das Ergebnis dieses Mutter-Tochter-Gespräches abwarten.“ Zärtlich streicht er Kimi und Finn über den Kopf. „Denn die Wochenenden mit meinen Söhnen lasse ich mir nicht nehmen!“
Ich verdrehe unauffällig die Augen.
Sonntag, 7. Februar 2010
ღ Mama Mia Teil 76 ღ
Phil und ich sehen dem Krankenwagen nach, der inzwischen Sirene und Blaulicht eingeschaltet hat. War wohl wirklich kurz vor knapp? Als er in der Nacht verschwindet, machen wir uns auf den Rückweg. Schweigend trotten wir nebeneinander her.
„Sag’ mal“, unterbreche ich nach einer Weile die Stille. „Wo ist eigentlich der Kleine? Justin?“
„Och“, antwortet Phil leicht übersäuert, „Arne dachte, er könne vorerst mal bei Tante Mia bleiben. Wo sie ihm doch soooo viel beibringen kann?“
„Du bist echt ein Arsch“, knurre ich. „Weißt du das?“
„Ja. Weiß ich.“
Nach weiteren fünfzig Metern Schweigen meint Phil leise: „Hochachtung vor deiner Leistung.“
„Welcher Leistung?“, schlucke ich trocken. „Dass ich eine werdende Mutter mit ihrem Lebensgefährten betrogen habe?“ Ich schüttele verärgert den Kopf.
„Du hättest sie einfach stehen lassen können. Mit ihrer geplatzten Fruchtblase“, antwortet Phil und schielt zu mir herüber.
Ich bleibe betroffen stehen. „Hey, ich bin doch kein Unmensch!“
„Und genau das macht dich aus.“
Wie kannst du dir so sicher sein?
Du bist doch viel zu wütend, um irgendwas zu sehn
Du schreibst dich selbst mal groß, mal klein
Am Ende ist's verwirrend und sehr schwer zu verstehn
Ich verstehe nicht?
Philipp bleibt ebenfalls stehen, dreht sich um und kommt auf mich zu. „Du hast mehr Menschlichkeit in dir als jeder andere Mensch, den ich kenne“, sagt er und legt seine Hände auf meine Oberarme. „Wenn du liebst, dann aus ganzem Herzen. Wenn du hasst, dann mit Inbrunst. Doch selbst da bleibst du der gütige Menschen, der du nun mal bist. Vielleicht kannst du nicht alles oder jedem verzeihen, vergessen schon gar nicht. Aber in Sachen ‚Vergebung’ bist du echt einsame Klasse.“ Er schickt einen entspannten Lacher hinterher.
Ich schau’ ihn nur blöde an.
„Komm“, meint er dann, gibt mir einen sanften Schubs und schlendert weiter.
„Es tut mir Leid, dass ich dich vorhin so angefahren habe.“
„Ich weiß.“ Philipp zwinkert. „Ich war auch ziemlich enttäuscht von deinem Verhalten.“
Toll! Muss er jetzt noch Salz in die offene Wunde streuen?
„Allerdings...“ Er legt eine Kunstpause ein. „... war dein Verhalten der emotionalen Situation angemessen. Schätze ich mal?“
„Nee“, widerspreche ich. „Das war purer, egoistischer Selbstschutz.“ Aber wenn es so einfach ist, warum schmerzt mein Herz so sehr?
Ich weiß nur, es wird regnen und hört so schnell nicht auf
Glaub mir, es wird kälter, wann hört das wieder auf?
Ist da draußen kein Licht?
Wolken nehmen dir die Sicht.
Ich (und meine geschundene Seele) trotten selbstmitleidig und mit hängendem Kopf hinter Philipp her. Nur ab und zu schiele ich nach oben, um kurz darauf wieder traurig den Blick zu senken.
„Hey“, sagt Phil endlich und dreht sich zu mir um. „Komm’ her.“
Ich schmolle.
Phil sieht mich an wie ein kleines Kind. Sanft küsst er meine Wange und legt seinen Arm um meine Taille. „Bist doch meine Beste.“
Auch im Regen, auch im Regen siehst du mich
Wenn dein Boot untergeht und du gar nichts mehr verstehst
Auch im Regen, selbst im Regen find' ich dich
„Na, sieh’ mal einer an!“ Fritz zieht freudig überrascht die Augenbrauen nach oben, als Phil und ich Arm in Arm an unseren Tisch zurück kehren.
„Äh... es ist nicht so wie es aussieht...“, stottere ich und verschränke sofort die Arme hinter dem Rücken.
„Unsere Hebamme!“
Ach, soooo...
„War doch gar nicht... also... den Notarztwagen kann doch jeder rufen.“
Fritz zieht ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter. „Na, da würd’ ich kein Geld drauf wetten.“
Logisch nicht. Deshalb hat er ja wohl auch so viel?
„Die hat echt ‚nen Dachschaden“, mault Johannes und lässt sich neben Fritz auf die Bank fallen.
Er meint doch nicht mich?
„Was ist denn los, Hannes?“, fragt Fritz besorgt.
Johannes ist außer sich vor Wut. „Amalie hat Tiziana und mich beim Knutschen auf der Damentoilette erwischt und will jetzt Tizianas bevorstehende Beförderung rückgängig machen. Grandpa, du musst was unternehmen!“
„Du warst auf der Damentoilette?“, frage ich überrascht. Dann fangen die kleinen, rostigen Rädchen in meinem Hirn an zu rattern. Grandpa? Hä?
„Das ist nicht ihr Ernst?“ Phils Stirn pocht.
Johannes’ Augen glänzen zornig. „Sie hat Tiziana sowas von zur Sau gemacht. Mir hat sie überhaupt nicht zugehört. Wie ein Furie ist sie auf uns los gegangen.“
Phil springt auf. „Das reicht!“
Fritz packt ihn am Arm. „Lass’ mich das machen, Philipp“, sagt er diplomatisch. „Du bist wütend.“
Ich komme mir vor wie im falschen Film.
„Amalie!“, tönt es streng. „Ich möchte dich sprechen. In deinem Büro. Sofort.“
Der Gesichtsausdruck der Sorglos hat nun so gar nichts mehr mit ihrem Namen gemeinsam. Mit hängendem Kopf, aber gehorsam, folgt sie ihm.
Phil holt sich zur Beruhigung ein Bier. Mir bringt er auch gleich eins mit.
„Sag’ schon.“ Plopp! Plopp! Gekonnt öffnet er mit dem Feuerzeug die Bierflaschen.
„Wer? Ich?“
„Ja. Du. Sag’ schon.“
„Was denn?“ Ich stell’ mich einfach mal ganz dumm. Vielleicht merkt er’s ja nicht?
„Was du denkst.“
„Ich denk’ nix.“
Er legt seine Stirn in Falten und zwickt das rechte Auge zusammen. „Logisch.“
„Wirklich nicht“, beteuere ich und werde nicht mal besonders rot dabei.
Philipp nimmt einen großen Zug aus der Bierflasche.
Ich zünde eine Zigarette an und reiche sie ihm.
Er bedankt sich mit einem Kopfnicken. „Okay“, sagt er dann. „Ich bin ein Großkotz.“ Er schielt zu mir herüber. „Lach’ jetzt nicht.“
„Pfu iff boch bar mifft“, erwidere ich mit zusammengekniffenen Lippen. Hört sich aber auch blöd an.
Er atmet schwer aus. „Ich bin schon in der Grundschule wegen dieses Namens aufgezogen worden. Deshalb habe ich den Mädchennamen meiner Mutter angenommen. Mit Geld kannst du ja fast alles machen“, fügt er abfällig hinzu.
„Hmhm.“ Kinder können grausam sein. Die Wahrheit auch.
„Nichts sonst?“
Natürlich nicht ‚nichts sonst’. Er ist der Sohn vom Boss. Das ist... Das ändert alles. Das ist... einfach zuviel für mich.
Philipp sieht mich fragend an. Seine Augen fixieren mein Gesicht. Er ist angespannt.
„Warum“, frage ich dann, „warum kommst du hierher und spielst das Mädchen für alles, wo du doch...?“
„Wo ich als erstgeborener Sohn des Bosses den dicken Larry raushängen und die Belegschaft rumkommandieren könnte?“
„Soooo ungefähr?“
Phil reicht mir ein Mozzarellabrot. „Ich war ein Jahr in der ganzen Welt unterwegs. Will mich jetzt nicht selbst loben, aber mein Vater... Naja, Amalie ist das Sorgenkind und hatte eine Chance verdient. Ich sollte quasi ‚undercover’ ein bisschen aufpassen.“
„Klar, Agent Phil“, schnottere ich. „Das geht natürlich am besten, wenn man niemandem seine wahre Identität verrät. Nicht mal einer guten Freundin.“
Philipp schluckt trocken ab. „Was ist jetzt eigentlich dein Problem?“
„Ich hab’ kein Problem.“
„Hast du doch.“
„Hab’ ich nicht.“
„Hast du wohl.“
„Hab’ ich ni-hiiiicht!“
„Wo-hooool!“
Ich hasse dieses Spiel!
Er steckt sich eine Zigarette an, zieht einmal daran und schiebt sie mir dann in den Mundwinkel. „Dass ich dir nicht gesagt habe, wer mein Vater ist? Du hast mich nicht gefragt. Oder die Tatsache, dass ich, wenn ich wollte, der Boss des Ladens sein könnte? Was geht dir mehr auf den Zeiger?“
„Mir geht nichts auf den Zeiger“, blaffe ich ihn an.
„Geht dir doch.“
„Geht mir nicht.“
„Geht dir wohl.“
Grrr!
Neben uns hustet Tiziana. Ich habe nicht bemerkt, dass sie schon eine ganze Weile am Tisch sitzt und unsere frühpubertäre Unterhaltung gespannt verfolgt. „’tschuldigung“, murmelt sie verlegen.
Ich schenke ihr ein gütiges Lächeln. Sie sieht so eingeschüchtert aus.
„Also“, sagt sie ganz leise, „du wärst sicher der bessere Chef.“
„Danke“, tätschelt Phil ihre Hand. „Ich fürchte nur, das sieht nicht jeder so.“
„Warum hast du mir nicht mal was gesagt?“, knatsche ich vorwurfsvoll.
Tiziana wird richtig mutig und klinkt sich nun vollends in unser Gespräch ein. „Was hätte das denn geändert?“
„Es ändert jetzt etwas.“
Philipp weicht zurück. „Inwiefern?“
Gute Frage, nächste Frage. Ein wirklich plausible Antwort habe ich nämlich auf die Schnelle nicht parat. „Ich komme mir verarscht vor.“
„Verarscht? Bitte?“
Tiziana und Phil sehen mich an, als hätte ich einen Sprung in der Schüssel. Nicht zu unrecht. „Hättest ja mal was sagen können...“, murmle ich und schmolle.
Philipp schüttelt verständnislos den Kopf.
Zersäg’ den Ast, auf dem du sitzt
Spring ab, fang an zu laufen
Das kann ich für dich nicht
Lass von dir hör'n, wenn's soweit ist
Du musst dich auch nicht ändern
Es ändert sich für dich
Samstag, 6. Februar 2010
ღ Mama Mia Teil 75 ღ
„Hey, Arne! Schön, dass du’s doch noch geschafft hast.“ Barbara begrüßt ihn herzlich – glaube ich zumindest.
Ich habe ihm den Rücken zugewandt und möchte auch, dass das so bleibt.
„Seid ihr noch ausreichend mit Getränken versorgt?“ Barbara legt eine Hand auf meine Schulter, mit der anderen streichelt sie mir mütterlich über den Kopf. „Hast du gesehen? Arne ist auch noch gekommen. Hat sogar den kleinen Justin mitgebracht. Und seine...“ Sie verzieht angewidert das Gesicht.
„Hmhm“, erwidere ich.
Barbara beugt sich zu mir herab. „Was’n los? Ich dachte... also, ihr ward doch immer so dicke?“
Phil behält mich konzentriert im Auge. „Dick ist jetzt wohl nur seine Lebensgefährtin?“
Mir weicht alle Farbe aus dem Gesicht. Ich kann’s zwar nicht selbst sehen, aber mir wird trotz zweiundzwanzig Grad Außentemperatur plötzlich eiskalt. Wider besseren Willens drehe ich den Kopf und schiele nach links. „Mein Gott!“, gifte ich kaum hörbar. „Trägt die ihr Kind am Arsch aus?“
Philipp sieht mich missbilligend an.
„Iss doch wahr!“, knurre ich.
„Aber nicht DEIN Problem.“
Ich nehme einen großen Schluck Bowle. Dabei bleibt mir ein Ananasstück im Hals stecken. Zia, die kleinen Sünden straft der Liebe Gott sofort, oder wie? „Appellierst du jetzt an meine Menschlichkeit, oder was? Nächstenliebe?“, huste ich.
Statt mir – wie sonst – sanft, aber wirksam den Rücken zu klopfen, verschränkt Phil provokativ die Arme vor der Brust. „Wie wär’s mit ‚Vergebung’?“
„Vergebung!“, wiederhole ich sarkastisch. „Vergebung... Toll!“
Philipp neigt sich zur Seite und hebt lächelnd die Hand.
„Was soll DAS jetzt?“, fauche ich ihn an. Wie kann er jetzt auch noch Arnes Aufmerksamkeit auf uns lenken?
„Ich bin ein höflicher Mensch“, sagt er trocken. „Wenn man mich grüßt, grüße ich zurück.“
„Hallo? Bist du der Messias?“, mache ich ihn umgehend darauf aufmerksam, dass er gefälligst für MEIN Seelenheil und -frieden zuständig ist. Ziemlich egoistisch, okay, aber...
„Philosophiert ihr hier über die Bibel?“ Fritz ist ja auch noch hier. Und scheinbar an diesem Thema sehr interessiert.
„Ääääh...“, bemühe ich mich, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Ich bin sauer auf Phil. „Ich hab’ nur den Schluss gelesen, damit ich weiß, wie’s ausgeht.“
Fritz benötigt einige Sekunden, dann schmunzelt er, blickt auf und verkündet zu meinem Entsetzen: „Ach, Familie Mannhardt ist vollzählig erschienen. Schön!“ Er winkt ihnen zu und stößt in seinem Übermut mein Bowleglas um.
Toll! Jetzt kommt die heile Familie sicher gleich auf uns zu und ich bin gezwungen, mein Gesicht zu wahren und freundlich zu grinsen.
Ich werfe Phil und Fritz einen übel gestimmten Blick zu. Der Verfasser der Offenbarung beschreibt eine Serie von endzeitlichen Visionen als Engel, die die Schalen des Zorns ausgießen.
„Und ich sah aus dem Rachen des Drachen und aus dem Rachen des Tieres und aus dem Munde des falschen Propheten drei unreine Geister kommen, gleich Fröschen. Es sind Geister von Teufeln, die tun Zeichen und gehen aus zu den Königen der ganzen Welt, sie zu versammeln zum Kampf am großen Tag Gottes, des Allmächtigen. Und er versammelte sie an einen Ort, der heißt auf hebräisch Harmagedon.“
„Sie zitieren aus der... Biiiibel?“
Oh, Gott! Ich hab’ mal wieder laut gedacht. Ich drehe mich um und lächle Tatjana zuckersüß an. „Gelernt ist eben gelernt.“
„Na“, meint sie überheblich. „Wo lernt man denn sowas? In der Bibelschule?“
„Nein. In einer guten Kinderstube“, antworte ich schnippisch und drehe mich weg.
„Schau’ mal, Justin“, versteht Tatjana keinesfalls, dass ich wenig Interesse an Konversation habe, „von der Tante da kannst du noch was lernen.“ Ihre Stimme trieft vor Zynismus.
Justin schaut mich mit großen Augen erwartungsvoll an.
„Soll ich Ihrem kleinen mal etwas über die Apokalypse erzählen?“
Sie reckt ihren dürren Hals und verschränkt die Arme vor der Brust. „Na, dann erzählen Sie doch mal, Frau Engel.“
Ich ignoriere den Schubs, den Philipp mir gibt und doziere: „Die Apokalypse ist griechisch und bedeutet ‚Enthüllung’ oder ‚Offenbarung’.“
Justin schaut mich entgeistert an. Er hat die gleichen hellbraunen Augen wie sein Vater.
„Sie ist eine Literaturgattung, die von einer Vision des Weltuntergangs und der neuen oder verwandelten Welt berichtet. Das Verbum ‚apokalyptein’ heißt ‚aufdecken’, was zuvor verborgen war.“
Jetzt ist der kleine Mannhardt vollends überfordert.
„Nämlich die unvorhersehbare, endgültige Zukunft der Weltgeschichte. Apokalypsen beziehen sich meist auch auf konkrete historische Ereignisse.“
„Hallo, Mia“, werde ich in meinem Redeschwall unterbrochen. Arne!
Sofort wird mein Mund staubtrocken und ich bekomme keinen einzigen Ton mehr raus. „Hi“, krächze ich und stehe auf. „Muss mal.“ Mit diesen Worten eile ich ins Hauptgebäude zur Gästetoilette.
Dort angekommen, lasse ich mir kaltes Wasser über die Hände laufen und benetze damit meinen Nacken. Mein Herz rast, mein Bauch krampft. Und auf meinen Schultern lastet ein Gefühl, ich bin nicht mehr ich selbst.
„Sag’ mal, geht’s noch?“, werde ich in der Eingangshalle von Philipp empfangen.
Ich schiebe trotzig das Kinn nach vorne.
„Du hast soeben einem dreijährigen Kind was von der Apokalypse erzählt“, macht er mich vorwurfsvoll auf etwas aufmerksam, das ich sowieso schon weiß. Ich war ja schließlich dabei!
„Ja, und?“, gebe ich schnippisch zurück. „Er wollte es doch wissen?“
„Er wollte es wissen?“, wiederholt Phil fassungslos. „Mia, das Kind ist drei. Drei! Und nicht er wollte wissen, was eine Apokalypse ist, sondern du wolltest dich seiner Mutter mitteilen. Bist du wahnsinnig? Wie leichtsinnig kann man nur sein?“
„Was soll das heißen?“
Phil schüttelt den Kopf. „Das war eine Interpretation deines Seelenschmerzes.“ Er rollt mit den Augen. „Harmagedon, Apokalypse!“
Er hat ja Recht. Aber das kann ich doch jetzt nicht zugeben?
„Lass’ mich einfach in Ruhe“, knurre ich. „Ich suche jetzt Brutus, dann geh’ ich nach Hause.“
Ich warte vergeblich darauf, dass er mich aufhält. „Wenn du meinst...“
Beleidigt stackse ich zum Ausgang.
„Ach, Hexe?“
Ha! Wusst’ ich’s doch!
„Wieso kannst du eigentlich die Offenbarung so detailliert zitierten? Harmagedon?“
Ich zucke mit den Schultern. „Schulaufführung in der zehnten.“
„Naja“, meint Phil und sieht mich anklagend an. „Talent hast du. Dein Theater war wirklich...“
Den Rest höre ich nicht mehr, weil die Tür krachend ins Schloss fällt. Ich bin wütend. Wütend auf mich selbst.
Ich mache mich möglichst unauffällig auf die Suche nach Brutus.
„Suchst du den?“, piepst eine Stimme hinter mir und zupft an meinem Hosensaum.
Ich drehe mich um. Justin sitzt mit Brutus im Arm auf dem Boden. „Oh, ja.“ Was kann das Kind für... Lassen wir das! „Hast du auf Brutus aufgepasst?“
Sein blondes Köpfchen wippt freudig auf und ab. „Wegen der Abboschlipse. Dass ihm nix passieren tut.“
Ich gehe vor ihm in die Hocke. „Das ist aber lieb von dir, Justin.“ Ich schaue mich um. Er ist hier ganz schön weit weg vom Treiben. „Aber sag’ mal, wissen denn deine Mama und dein Papa, wo du bist?“
Sein Köpfchen fliegt abwechselnd nach links und nach rechts. „Hab’ doch aufgepasst auf den Hundi.“
„Na“, sage ich und nehme ihn auf den Arm. „Jetzt bin ich ja da und kann weiter auf Brutus aufpassen. Und dich, junger Mann, bringe ich jetzt mal zurück zu deinen Eltern. Nicht, dass sie sich noch Sorgen machen.“
Auf halbem Weg kommt mir Arne entgegen. „Mia, wie geht’s dir?“, fragt er beklommen.
Ich streichle demonstrativ seinem Sohn die Wange. „Gut. Danke“, antworte ich knapp. „Justin hat da hinten auf Brutus aufgepasst. Ich dachte, ihr vermisst ihn schon?“
„Ich vermisse dich.“
„Du hast dich entschieden“, sage ich mit einem Blick auf Justin. „Jetzt stehe auch zu deiner Entscheidung.“
Ich kann das nicht. Ich kann ihm nicht gegenüber stehen und etwas wie Freundschaft für ihn empfinden. Noch nicht.
„Hier“, übergebe ich ihm seinen Sohn. „Ich muss noch meine Runde mit Brutus laufen.“
„Können wir irgendwann wieder ganz normal miteinander umgehen?“
„Irgendwann vielleicht.“ Ich streichle Justin über den Kopf und vermeide jeglichen Blickkontakt mit Arne. „Tschüss, Kleiner.“
Wie ein gehetztes Tier mache ich mich auf den Weg in den Park. Ich laufe und laufe, bis Brutus mich irgendwann mal vorwurfsvoll anbellt. „Iss ja gut“, murmle ich einsichtig. „Gehen wir wieder zurück.“
„Mia?“
Oh, nein! Wenn du denkst, es geht nicht mehr... kommt von irgendwo ‚ne Schwangere her. Nur widerwillig antworte ich. „Hä?“
Tatjana walzt bedeutungs-schwanger auf mich zu. „Warte mal.“
Hab’ ich echt keinen Bock drauf. Und außerdem kann ich mich nicht dran erinnern, wann und wo wir gemeinsam die Treppe herunter gefallen sind, so dass sie mich einfach duzen darf?
„Ich... ich...“, keucht sie. „Ich weiß alles. Urgh!“ Angewidert sieht sie mich an.
Wut kocht in mir hoch. Was bildet sich diese arrogante, selbstsüchtige Schnalle eigentlich ein? Dass ich es nicht wert bin, von ihrem Mann geliebt zu werden? Dass ich viel hässlicher bin als sie? Hat sie sich selbst eigentlich schon mal ungeschminkt gesehen? Ich möchte nicht wissen, was unter dieser zentimeterdicken Fassade steckt? Und dieser Arsch...
„Arne hat mir...“ Sie sieht immer noch ganz angeekelt drein und scharrt zusätzlich mit den Füssen. „Er hat mir alles erzählt.“
Ja, ist Arne denn wahnsinnig? Wie kommt er dazu? Was hat er nicht nur sich, sondern auch mir damit eingebrockt? Er war doch sonst nie besonders redselig? Warum? Gott, wie mir das alles hier stinkt. Und wiiiieeee das stinkt! Ich blicke nach unten.
„Ich bin in Hundescheiße getreten“, lamentiert Tatjana.
Ich zucke nur mit den Schultern und halte ihr die Papiertüte mit Brutus’ Überresten aus dem Verdauungstrakt unter die Nase. Meiner war’s nüscht!
„Urgh! Naja...“, lässt sie sich nicht lange beirren. „Also. Nach langen Diskussionen hat mir Arne gestanden, dass ihr beide euch selbständig machen wolltet. Aber als ich schwanger wurde, hat er kalte Füße bekommen und dich ziemlich unvorbereitet darüber in Kenntnis gesetzt.“ Sie legt ihre Hand auf meinen Oberarm und ich zucke unwillkürlich zurück. „Ich kann verstehen, dass du sauer bist deswegen.“
„Hmhm“, knurre ich. Obwohl... Gar keine schlechte Erklärung. Das muss ich Arne schon lassen.
Tatjana labert ungebeten weiter. „Er hat ja nie was von dir erzählt, deshalb dachte ich schon... Oh! Mein! Gott!“
Wow! Dafür, dass sie blond ist, hat sie aber eine gute Auffassungsgabe.
„Oh, mein Gott!“, schreit sie wiederholt aus – und das finde ich jetzt doch schon ein wenig übertrieben.
So lange, bis mir bewusst wird... „Oh, mein Gott!“ Ihre Fruchtblase ist geplatzt.
„Was soll ich jetzt tun?“
Das fragt sie mich? Sie hat doch schon mal ein Kind bekommen! Soll sie doch zusehen, wie...
„Miiiiaaaa“, heult sie auf, „ich bekomme Wehen!“
Ich puste fest aus. „Ruhig, ganz ruhig. Soooo schnell geht’s ja nu’ doch nicht.“ Ruhig ist gut! Panik macht sich in mir breit. Mit zitternden Händen suche ich nach meinem Handy und wähle die Nummer des Notarztes. Tatjana steht in einer Pfütze Fruchtwasser und ich bin mir nicht sicher, ob sie vielleicht liegend transportiert werden muss?
„Der Notarztwagen kommt gleich“, bin ich um Hilfe bemüht und schaue mich um. „Leg’ dich erst mal hier auf die Bank.“
Tatjana wuchtet sich und ihren Bauch auf das morsche Gebälk. „Kannst du... uff! Kannst du Bescheid... uff... geben?“
Spontan wähle ich Phils Nummer. „Phil?“
„Phil?“, jault Tatjana entrüstet.
Ich winke ab. „Phil, wir sind hier im Stadtpark... Ja, wir! Tatjana ist die Fruchtblase geplatzt... Ja, Krankenwagen habe ich geordert. Bitte, sag’ dem werdenden Vater Bescheid... Was? Wir sind an...“ Ich schaue mich um. „Wir sind bei der großen Eiche.“ Ich komme mir vor wie bei Lassie. „Genau, wo die halb kaputtene Holzbank steht... Okay. Bis gleich.“
Arne und Phil treffen zeitgleich mit dem Notarztwagen ein. Sie müssen wie die Irren gerannt sein und sind völlig außer Atem.
Und sowas nennt sich Sportler!
„Danke, Mia“, keucht Arne. Tatjana wird derweil in den Wagen verfrachtet. „Danke für alles.“ Er küsst mich zart. Ich schmecke den Schweiß – und den endgültigen Abschied.
Freitag, 5. Februar 2010
ღ Mama Mia Teil 74 ღ
Dein Lachen macht süchtig, fast so als wär’ es nicht von dieser Erde
Auch wenn deine Nähe Gift wär’, ich würd’ bei dir sein, solange bis ich sterbe
Das Wochenende war bombastisch. Wie lange schon haben Kimi, Finn und ich nicht mehr so entspannt miteinander gelacht? Seit Florian uns verlassen hat und ich den ganzen Tag arbeiten gehe, ist es hektischer geworden bei uns. Da bleibt das familiäre Beisammensein schon das eine oder andere Mal auf der Strecke. Ich überschütte sie mit Liebe. Doch oftmals fehlt mir die Zeit oder einfach nur die Kraft, ihnen ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu vermitteln, welches sie ihr Leben lang begleiten soll.
Und dann dieses seltsame, nicht zu beschreibende Gefühl, das mich überkommt, mir vom Nacken bis in den großen Zeh fährt, als Kimi wie selbstverständlich nach Philipps linker Hand fasst und sie gemeinsam zur Achterbahn schlendern.
„Der Phil iss echt toll, Mama“, meint Finn und schaut mich mit großen Rehaugen an.
„Ja, ist er, mein Schatz.“
Er nickt zufrieden, rennt den beiden nach und hält sich an Philipps rechter Hand fest.
Betank’ mich mit Kraft, nimm’ mir Zweifel von den Augen
Erzähl’ mir tausend Lügen, ich würd’ sie dir alle glauben
Doch ein Zweifel bleibt: dass ich jemand wie dich verdient hab’
Der Tag war lang, die Jungs schliefen schon im Auto ein und Philipp und ich machen es uns im Anschluss an diesen doch ein wenig anstrengenden Tag auf dem Sofa gemütlich. Kimi und Finn haben sich ein gemeinsames Sonntagsfrühstück gewünscht und brauchen nicht lange, um Philipp zum Übernachten zu überreden. Wozu haben wir das Gästezimmer im ersten Stock?
In der Nacht erwache ich und erinnere mich schemenhaft an einen Traum. Arne. Noch immer sehe ich sein Gesicht überdeutlich vor mir. Seine hellbraunen Augen, das zarte Lächeln. Ich spüre seinen Atem, rieche seinen Duft. Er küsst mich sanft. Doch die Sehnsucht schmeckt bitter. Schritt um Schritt entfernt er sich von mir, bis nur noch ein winziger Punkt von ihm zu sehen ist...
Es dauert lange, bis ich wieder eingeschlafen bin. Es ist, als sei mein Herz auf einer Reise. Es schmerzt, wie nur ein Abschied schmerzen kann. Meine Unruhe hat Brutus ans Fußende des Bettes verscheucht. Meine Hand sucht und findet nichts. Müde verbleibt sie auf dem leeren Kissen neben mir.
„Geträumt?“
Leicht angeschlagen hänge ich über meiner Kaffeetasse und gähne. „Hmhm...“
Philipp schaut mir tief in die Augen – wie ein Buch, in dem er lesen kann. Er legt seine Hand auf meine und schweigt mit mir.
Wenn ich rastlos bin, bist du die Reise ohne Ende
Deshalb lege ich meine kleine große Welt in deine schützenden Hände
Der Sonntag wird seinem Namen gerecht. Wir verbummeln ihn im Garten, planschen zum ersten Mal in diesem Jahr im Pool und Buffy und Spike können auch endlich wieder frische Luft schnappen.
Ausgeruht, entspannt und endlich mal wieder aus dem Grunde meines Herzens schlendere ich am Montag Früh ins Büro.
„Eeeen wundorrscheen Morsche, lieborr Miorr“, empfängt uns dorr Diedorr, „unn meen Bruudus, nu freilsch!“ Er strahlt wie ein ganzes Atomkraftwerk im innersten Kern.
„Morsche, Dieter“, strahle ich nicht unerheblich weniger. „Wie geht’s dir? Schönes Wochenende gehabt?“
Er wirkt ganz verlegen. „Nu freilsch! Unn... isch hob dorr eene Gleinschgeit fürr eusch beede.“ Damit reicht er mir ein edles Kuvert. Adressiert an Mia und Brutus.
„Diiiieter!“, rufe ich jubelnd aus, nachdem ich den Brief geöffnet habe. „Ich freu’ mich ja so!“ Überschwänglich falle ich ihm um den Hals. „Du und Barbara? Ihr verlobt euch! Juhuuuu!“
„Nu“, brabbelt er ganz verlegen. „Isch freu’ misch nu ooch so’n büschn. Doll.“
Wie mir mein Bauchgefühl bereits vor einigen Monaten suggeriert und die Tarotkarten wenig später verraten haben, ist Barbara wie eine Walküre in Trabi-Castle eingefallen und hat den Diedorr aus den Klauen der Drachen befreit. Und nu’ verloben sie sich – und die ganze Belegschaft ist eingeladen. Ei, vorrbibbschd, ist das nicht herrlisch?
Dieter und Barbara haben sich mit Philipp kurzgeschlossen, welcher daraufhin seine Connections zu Fritz von Großkotz spielen ließ und das großzügige Firmengelände als Ort der Feierlichkeiten arrangieren konnte. Gemeinsam organisieren wir Bierzeltgarnituren, zwei Pavillons und reichlich dem Anlass angemessene Dekoration. Die halbe Belegschaft ist an diesem Freitag auf den Beinen, um Dieter und Barbara eine schöne Überraschung zu bereiten. Die andere Hälfte tummelt sich in der Stadt auf der Suche nach einem passenden Geschenk.
„Nu, doss hädden wiorr doch ooch alleene machen gännen“, nuschelt Dieter angesichts unserer Großaktion beschämt und bekommt freudig Pippi inne Augen. „Sou viel Arbeed!“
„Lass’ ma’ stecken, Dieter“, klopfe ich ihm auf die Schulter, bevor ich mich dranmache, die Lichterketten zu entknoten. „Das tun wir gerne für euch. Und Spaß macht’s doch auch.“
„Nu, donn dräh isch äbm eene Runde mid dom Bruudus, ne woahrr?“
„Mach’ das, Dieter. Mach’ das!“ Hauptsache, er ist uns hier aus den Füßen.
Am Nachmittag sind die Toiletten überfüllt, weil sich jeder noch für die Verlobungsfeier frisch machen will. Ein paar wenige Kolleginnen sind allerdings schon so verwelkt, dass nicht mal mehr Insektenspray etwas an ihrem Zustand ändern könnte.
„Wundorrwundorrscheen“, kriegt Dieter sich gar nicht mehr ein. Er macht ein Gesicht wie damals, als es in der DDR zum ersten Mal Bananen gab. „Sou scheen...“
Find’ ich allerdings auch. Ich sitze mit Philipp und Fritz zusammen und fühle mich sauwohl. Kurz zuvor habe ich mit Kimi und Finn telefoniert, die heute schon von ihrem Papa abgeholt werden.
„Ich bin wirklich beeindruckt, wie du Haushalt, Kinder und Vollzeitjob so gut organisierst“, sagt Fritz.
Nach dem sympathischen ‚Mia’ ist er nun kurzerhand auch zum ‚Du’ übergegangen.
„Weißt du, Fritz...“ Ich lege meine Hand auf Phils Schulter und beuge mich zu unserem Oberboss vor. „Wenn ich nicht so viel Unterstützung hätte, von Menschen, die eigentlich viel zu lieb und zu gut zu mir sind, was ich im Grunde gar nicht verdient habe, dann würde ich das alles auch gar nicht auf die Reihe bekommen. Schätze“, meine ich dann und lehne mich wieder zurück, „ich würde schon den weißen Kittel tragen.“
„?“
„Den, der hinten zugebunden ist“, füge ich erklärend hinzu. „Und ich würde rosa Schäfchen zählen und kleine weiße Mäuse tanzen sehen.“
Fritz lacht so laut, dass sich alle nach uns umdrehen. „Trotz allem“, meint er dann recht fürsorglich. „Kinder haben Ansprüche, denen man erst mal gewachsen sein muss. Und damit meine ich nicht nur die finanziellen.“
„Oh“, gebe ich ehrlich zu. „Natürlich fällt es mir nicht immer leicht. Es ist ja nicht so, dass zu Hause nichts zu tun wäre, nur weil ich fast den halben Tag im Büro verbringe. Wenn ich abends heimkomme, habe ich ja schließlich noch Abendbrot zu bereiten, Wäsche zu waschen und zu bügeln und meine Post zu erledigen.“
„Das meinte ich.“
„Die Putzarbeiten erledige ich meist am Wochenende, wenn Kimi und Finn bei ihrem Papa sind.“
Fritz sieht mich eindringlich an. „Also doch ein schlechtes Gewissen?“
Ich seufze. „Das schwingt immer mit. Aber es ist nicht so, dass ich drei Stunden lang Verstecken mit ihnen spiele, nur um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen.“
„Mutter sein ist ein Job, vor dem ich höchste Achtung habe“, meint Fritz. Ich weiß nicht, ob das jetzt sein voller Ernst ist oder ob er einfach nur schon zu tief in die Bowle geguckt hat? „Stellt man nicht die eigenen Bedürfnisse viel zu weit hinten an?“
„Hmm“, überlege ich. „Naja. Man will ja immer nur das Beste für die Kleinen. Ab und an gönnt man sich ja schließlich auch was. Nur“, ich erinnere mich an meinen freien Nachmittag vor ein paar Wochen, „hat man dabei ständig das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen.“
„War das das, mit den...?“, wirft Phil ein und grinst schon wieder. Hab’ ich nun davon, dass ich ihm immer alles erzähle.
„Jou, genau das.“
„Na?“ Der Oberboss lässt es natürlich nicht zu, dass wir hier in Geheimsprache sprechen und ihm eine eventuelle Information verborgen bleibt.
„Also, gut“, rutsche ich auf der Bank hin und her. „Neulich, an meinem freien Nachmittag, war ich Schlafzimmer. Einfach so. Irgendwie halt. Finn kommt rein und fragt, was ich da mache?“ Ich lege eine Kunstpause ein und Fritz wird schon ungeduldig. Schließlich habe ich das Wort Schlafzimmer erwähnt! „Also, ich stehe vor meiner Unterwäscheschublade und probiere BHs aus. Einfach so, weil ich Lust drauf hatte.“
„Das ist natürlich eine ungeheuerliche Sache für eine Mutter“, merkt Philipp schmunzelnd an, „etwas so extrem Lächerliches zu machen, wie BHs an- und auszuziehen, ohne ihre Nachkommenschaft zu fragen, ob es ihr an etwas mangelt.“
„Ach“, nickt Fritz zustimmend, „Nachkommen haben immer Bedürfnisse. Besonders, wenn eine Mutter in der Nähe ist, die einen wahlweise auf ihren Knien reiten lässt, auf Wunden pustet, Milky Ways verteilt oder den Mathelehrer beschimpft.“
„Einmal Mutter, immer Mutter!“ Phil zieht verständnisvoll die Augenbrauen nach oben.
„Man ist“, nicke ich, „quasi über Jahre verplant und darf keine Zeit mit BHs vergeuden. Oder mit Kreuzworträtseln. Oder mit Telefonaten, Büchern oder einem entspannenden Bad. Und all’ das steht an diesem Nachmittag im anklagenden Blick meines Sohnes geschrieben, während ich ganz verstohlen einen knallroten Spitzen-BH in der Schublade versenke.“
„Du hast einen knallroten Spitzen-BH?“ Fritz’ Augen leuchten sinnig.
„Kimi“, lenke ich schnell seine Aufmerksamkeit auf den eigentlichen Schwerpunkt der Geschichte, „ruft sofort ‚Wo ist sie?’ und hat schon Panik in der Stimme. Bestimmt dachte er: ‚Ist sie fort? Für immer? Sie hat es wohl vorgezogen, in Russland unter Tage zu arbeiten?’ oder so. Dann stehen sie beide im Schlafzimmer und beäugen mich. ‚Was tut sie nur?’, fragt Kimi. Und Finn antwortet: ‚Sie zieht Unterwäsche an und wieder aus.’. ‚Wieso tut sie das?’ Finn zuckt mit den Schultern und meint dann mit Kennermiene: ‚Weiber halt!’. Weißte, da vergeudest du grad mal zehn Minuten mit irgendwas, das zwar sinnlos ist, aber Spaß macht...“
„Und erntest dafür Todesverachtung.“
„Ja“, seufze ich, „auch wenn wir Frauen noch so gut wissen, dass wir auch mal eine Auszeit brauchen, um Luft zu holen und Energie zu schöpfen, haben wir dennoch immer ein schlechtes Gewissen. Wir denken immer, wir machen etwas falsch.“
„Männer sind da ganz anders“, gibt Fritz zu. „Nicht wahr, Phil?“
Der nickt. „Klar, wenn wir Männer etwas tun, von dem wir überzeugt sind, dass es richtig ist, bläht sich bei uns der Sack auf und wir sagen: ‚Ey, ich bin ein Kerl! Wos iss los doaherinnen?’.“
„Echt?“ Diese Seite kenne ich ja noch gar nicht an ihm?
„Logisch“, meint er und versucht, ganz ernst dreinzublicken. „Wenn ich keine Hose anhätte, würde ich jetzt wegfliegen!“
Brüll!
Meine Befürchtung, es könne die Vermutung nahe liegen, ich würde mich beim Oberboss einschleimen, weil wir auch heute zusammen glucken, bewahrheitet sich glücklicherweise nicht. Fritz ist zwar in der Lage, Geld zu scheißen. Aber er ist vor allem Mensch geblieben – unter der Belegschaft ist er nicht nur geschätzt, sondern auch wegen seiner offenen und umgänglichen Art beliebt. Ganz im Gegensatz zur Sorglos.
Dieter hält eine bewegende Begrüßungs- und Dankesrede. Zumindest schauen wir alle bewegt drein, denn verstanden haben wir fast kein einziges Wort. So manch einer wünschte sich deutsche Untertitel. „Also, ihr Lieben“, erklärt Barbara abschließend, „was wir euch sagen wollen ist, tausend Dank für diese traumhafte Organisation. Und jetzt lasst uns endlich feiern, bis die Schwarte kracht!“
Tun wir. Auch ohne Aufforderung. Auf dem Firmengelände herrscht reges Treiben. Man wechselt die Plätze wie bei der Reise nach Jerusalem und fühlt sich locker und entspannt. Bis zu dem Moment, als...
Donnerstag, 4. Februar 2010
ღ Mama Mia Teil 73 ღ
„Ha!“, heule ich auf und schlage mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Da hätte ich ja auch von alleine drauf kommen können!“
Die beiden Herren schauen erst sich, dann mich interessiert an. „Warum?“
„Na, wegen deiner Nüsse!“
„Wegen meiner...?“ Johannes bricht in schallendes Gelächter aus.
Philipp legt verwirrt die Stirn in Falten. „Wegen seiner...?“
Oha! Hier besteht Klärungsbedarf. Eindeutig.
„Ja, gestern kam Johannes doch“, erkläre ich sachlich und bemüht, nicht blöd zu grinsen, „und fragte, ob ich seine Nüsse auch gerne mal anfassen möchte?“
„Du hast sie WAS gefragt?“ Philipp starrt seinen Sohn ungläubig an. Der zuckt nur mit den Schultern und nickt.
„Phiiiiliiiipp“, zupfe ich ihn am T-Shirt. „Er hat mir seine Moqui Marbles gezeigt. Weil ich doch auch einen habe. Von dir.“
Er wirkt sichtlich erleichtert. „Ach, so. Klar.“
„Und überhaupt“, murmle ich. „Die Ähnlichkeit ist doch unverkennbar.“
Johannes beugt sich dicht an mein Ohr und flüstert: „Nur, dass mein Haar noch eindeutig voller ist und ich nicht so runzelig bin.“
„Das hab’ ich gehört, Bürschchen. Hausarrest bis zur Rente!“
Ich schüttele den Kopf. Die beiden sind einsame Spitze!
„Johannes hat für diesen Monat bereits die Lohnabrechnungen gemacht“, erkläre ich Philipp. „Völlig selbständig. Super, was?“
Der stolze Papa nickt anerkennend. „Schon gut eingearbeitet. Prima.“
„Zia“, schwillt Johannes wieder einmal die Brust an. „Man tut, was man kann.“
„Ach, Mia“, meint Phil und legt seine Hand auf meine Schulter. „Hast du Junior auch darüber informiert, dass wir hier nach fünf Verfahren arbeiten?“
„Hä?“
Ich sehe Phil an, dass er was im Schilde führt. „Montags nach der Heidekraut-Methode.“
„Der was?“ Johannes steht völlig auf dem Schlauch.
Ich helfe ihm auf die Sprünge. „Heidekraut-Methode. Heide graut miooorr vorr dorr Arbeed!“
„Dienstags nach der Katzen-Methode: Pfoten auf den Tisch und auf die Mäuse warten.“
Johannes grinst seinen Vater argwöhnisch an. „Klar.“
Ich kenne die Posse schon und fahre fort: „Mittwochs nach der Elektriker-Methode: Ohne Spannung an die Arbeit, Widerstand leisten und jeden Kontakt zur Leitung vermeiden!“
„Besser ist das“, zwinkert Phil. „Donnerstags ist dann die Robinson-Methode an der Reihe: Warten, bis Freitag kommt.“
„Und Freitags“, schließe ich, „die Bassuff-Methode: Bass uff, dass’d de Feierowend net verschloofscht!“
„Was gelernt, Junge?“, klopft er seinem Sohn auf die Schulter.
Johannes nickt beeindruckt.
„’tschuldigung“, murmle ich peinlich berührt und lege meine Hand auf den Bauch. „Ich glaube, ich hab’ einen Hund verschluckt.“
„Wie?“ Johannes sieht mich entsetzt an.
Phil gibt ihm einen Rand und erklärt: „Mias Magen knurrt. Hexe hat wohl Hunger?“
„Geringfügig“, gebe ich zu.
Er schaut auf die Uhr. „Wisst ihr, was? Wir machen jetzt Feierabend und gehen nett was essen. Was haltet ihr davon?“
„Du bezahlst?“, hakt Johannes nach und Philipp nickt. „Dann bin ich dabei.“
In einer halben Stunde hätte ich sowieso Schluss gemacht hier. Genug für eine Woche. Also stimme auch ich kopfnickend zu und packe meine Sachen. „Wenn es euch nichts ausmachen würde...“, fällt mir jedoch gerade noch ein. „Die Jungs kommen heute früher von der Schule. Wegen einer Lehrerkonferenz. Ich könnte uns auch zu Hause etwas schönes kochen?“, schlage ich deshalb vor.
„Anders wird ein Schuh draus“, zwinkert Phil Johannes zu. „Junior fährt mit dir nach Hause. Ich suche noch einen Supermarkt auf und komme dann nach.“
„Und dann“, legt Johannes seinen Arm um meine Schultern, „werden du und deine Kinder mal richtig schön von uns bekocht.“
„Äh...?“
„Abgemacht!“, klatschen die Herren der Schöpfung sich ab und ignorieren alle Einwände.
„Kimi? Finn? Das ist der Sohn von Philipp“, stelle ich Johannes vor, als wir bei mir zu Hause eintreffen.
„Ich bin der Hannes. Hi, Jungs!“ Er reicht ihnen die Hand und lächelt einnehmend.
Kimi stemmt die Hände in die Hüften, mustert ihn von oben bis unten und meint dann: „Du bist aber alt!“
Ich seufze nachgiebig. Wenn mir alles peinlich wäre, was meine Söhne so von sich geben, könnte ich mir gleich eine Tüte über den Kopf ziehen.
Johannes lacht.
„Johannes und Philipp wollen uns heute bekochen“, erkläre ich.
„Und das kann man sogar essen, ohne Bauchschmerzen zu bekommen“, fügt Johannes hinzu.
„Bei der Mama ist mir das erst ein Mal passiert!“ Finn reißt seine großen, braunen Augen Mitleid heischend auf. „Da hab’ ich gekotzt und hatte Flitzekacke.“
Ich verdrehe die Augen. „Du hattest eine Magen-Darm-Grippe, Finn! Und du warst vier!“
„Schlecht war mir trotzdem“, schmollt er.
Keine zwanzig Minuten später trifft Philipp, schwer beladen, ein.
„Brinst du unser Essen?“, wird er sofort von Kimi überfallen.
„Guten Tag, Philipp“, rede ich ihm vor. Mit acht sollten sie doch eigentlich wissen, was sich gehört, oder?
„Hi, Phil“, wiederholt er dann auch brav. „Hast du unser Essen?“
„Hey, Kimi“, strubbelt er ihm über den Kopf. „Sagen wir’s mal so: Ich hab’ den Baukasten und bastele jetzt mit Johannes was zusammen. Hältst du’s noch so lange aus?“
Kimi hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Bauch. „Grad’ so.“
„Na“, scheucht er seinen Sohn, „dann aber mal los. Hopp-hopp!“
Philipp packt Bandnudeln, Creme Fraiche, Schnittlauch, Knoblauchzehen, Schweinefilet, Champignons, Gemüsezwiebeln, Sahne, Weißwein, Kochschinken, Ajvarpaste, Ciabattabrot, Mozzarella, Gläserpaprika, Pecannusskerne und Vanilleeis aus. Ein Teil verbleibt in der Tüte.
„Um Gottes Willen“, stöhne ich laut. „Was hast duuuu denn alles eingekauft?“
„Nahrung?“, zuckt er mit den Schultern und grinst.
Ich schüttele fassungslos den Kopf. Was sich hier auf meinem Küchentisch türmt, ist der Vorrat für zwei Wochen!
„Hatten wir jetzt eigentlich gesagt, dass wir für euch kochen? Oder dass wir dir nur die Küche verwüsten?“, fragt Phil und tut ganz nachdenklich.
„Kochen?“, schlage ich vor.
Er verzieht das Gesicht. „Ouuuuh! Da müssen wir wohl auf Plan B umsteigen.“
„Hä?“
„Plan A war ‚Küche verwüsten’.“
„Witzbold!“
„Chefkoch!“
Ich werde aus dem heiligen Reich verbannt und darf nur ab und an mal reinschnuppern. Anfassen iss nich’!
Nach weniger als einer dreiviertel Stunde haben die beiden Hobbyköche ein wahres Festmahl gezaubert. Als Vorspeise gibt es gratinierten, geräucherten Mozzarella aus der Auflaufform mit ganz, ganz vielen verschiedenen Kräutern. Das Hauptgericht besteht aus Bandnudeln und Rahmgeschnetzeltem aus feinstem Schweinefilet, dazu ein leckerer Rucola-Salat mit Blaubeervinaigrette. Und zum Nachtisch – ich weiß gar nicht, wo ich das noch alles hinessen soll und wünsche mir, dass mein Rücken noch Bauch wäre – vertilgen wir Pecan Butterscotch Sundae, das ist Vanilleeis mit einer Sahnesoße und Pecannusskernen.
„Booooaaaah“, stöhne ich. „Pumpt mir den Magen aus, damit ich noch mal essen kann!“
Selbst Kimi und Finn, meine geschmacksnervlich ziemlich anstrengenden, weil äußerst anspruchsvollen Kinder, sind begeistert. „Ffffuuuupaaaameckeeeer“, schmatzen sie und schaufeln immer weiter. Wenn man ihnen so zuschaut, könnte man meinen, man sei auf einer Großbaustelle. „Kochst du jetzt immer für uns?“, fragt Finn und mit Entsetzen stelle ich fest, dass in seinen Augen große Hoffnung liegt.
Philipp lacht. „Deine Mama und ich können uns ja immer mal abwechseln.“
„Hmmm“, nölt Finn. „Aber bei dir...“
„Ou, Finn!“, unterbricht ihn Philipp. „Sag’ das lieber nicht!“
„Was?“
„Was du gerade sagen wolltest.“
„Warum nicht?“
Ja. Warum eigentlich nicht? Dass ich die Wahrheit vertrage, habe ich doch wohl in den letzten Wochen ausreichend unter Beweis gestellt.
„Weil’s unfair ist, Finn“, erklärt er und schenkt uns allen Weißwein nach. „Schließlich waren Johannes und ich zweit. Und deine Mama muss das immer alles ganz alleine machen.“
„Die Mama muss sowieso immer alles alleine machen“, gibt Kimi seinen Senf dazu. „Oder, Mama?“
„Hmhm“, nicke ich seicht.
„Der nächste Papa, den wir haben, der muss auch mal was machen“, stemmt Kimi seine kleinen Fäuste in die Hüfte. „Damit die Mama sich auch mal ausruhen kann und mit uns spielen kann und all sowas.“
„Der nächste Papa, soso.“ Philipp bleibt ganz ernst, obwohl er innerlich kurz vor einem Lachkrampf steht. „Da gebe ich dir vollkommen Recht, Kimi. So muss das sein.“
„Sag’ ich doch.“
Bevor diese Diskussion hier noch größere Ausmaße annimmt, beginne ich, das Geschirr abzuräumen.
Johannes hilft mir dabei. „Oh, Moment!“, sagt er, als sein Handy klingelt. „Äh... naja... ach... echt? Wow! Okay“, murmelt er und schaut mich dann ganz bedrückt an.
„Piste?“, frage ich. War ja schließlich auch mal jung. Nur ohne Handy.
Johannes nickt.
„Na, dann aber nix wie los, junger Mann! Das Leben ist noch frisch!“
„Super!“, küsst er meine Wange und hetzt ins Wohnzimmer, um sich bei seinem Vater und den Kindern zu verabschieden.
„JAAAA! JUCHUUUU!“, tönt es kurz darauf.
„Halt, halt, halt“, bremst Philipp meine Söhne in ihrer Euphorie. „Erst fragt ihr mal die Mama, ob das überhaupt okay ist, ja?“
„Mama... weil Papa keine Zeit hat... Magic Park... Riesenrutsche... Achterbahn... Geisterbahn... Phil... morgen“, brabbeln sie wild durcheinander. Ich versteh’ nur Bahnhof, äh, Park?
„Was iss los?“
Philipp räuspert sich. „Mia, die Jungs haben mir erzählt, dass ihr Vater dieses Wochenende keine Zeit hat für sie. Und ich hab’ – vielleicht etwas voreilig – vorgeschlagen, dass wir morgen eventuell gemeinsam in den Magic Park fahren könnten, wenn du Zeit und Lust hast?“
Ich finde die Idee nicht schlecht. Ach, was sag’ ich? Die iss prima!
„Du meinst“, frage ich vorsichtig, „du würdest dir das wirklich antun? Mit mir und zwei, sagen wir mal, aufgeweckten, kleinen Kindern?“
„’türlich!“
„Dann dürfen wir? Dürfen wir? Dürfen wir?“
„Bitte, bitte, bitte, bitte, Mamaaaa!“
Ich schiele zu Phil. Er nickt hoffend.
„Na, gut!“
Die Jungs sind außer sich vor Freude und malen sich bereits aus, welche Attraktionen sie besuchen möchten, wann und womöglich noch auf welcher Route wir losfahren, was wir dort wo zu Mittag essen und wer von den beiden Erwachsenen zuerst die Nerven verliert. Man könnte fast glauben, sie lägen seit ihrer Kindheit gefesselt und geknebelt im dunklen Keller und hätte noch nie Tageslicht gesehen.
„Phil iss echt der Beste!“, kommen sie überein und flitzen in ihre Zimmer.
Ich lächle zustimmend. „Phil?“
„Hm?“
„Du hast nicht vielleicht irgendwo eine Freundin sitzen, die von dir ein Kind erwartet?“
„Nein“, antwortet Philipp. „Zumindest nicht, dass ich wüsste.“
„Und... du trauerst auch keiner Freundin nach, die du unter tragischen Umständen irgendwann verloren hast?“
Er legt den Kopf zur Seite. „Auch nicht.“
„Phil?“
„Hm?“
„Du bist zu gut für diese Welt!“
Mittwoch, 3. Februar 2010
ღ Mama Mia Teil 72 ღ
„Frau Engel?“, überrascht mich am Mittwoch die Chefin höchstpersönlich. „Ich habe hier etwas Verstärkung für Sie.“
Endlich! Die langersehnte und mindestens genauso lang versprochene Kollegin ist da!
„Darf ich vorstellen? Das ist...“
„Johannes, hi!“ Der junge Mann fällt Frau Sorglos jugendlich-unverfroren ins Wort und reicht mir die Hand.
Ich schaue ihn an, als habe man mir gerade eine Schlagbohrmaschine zur Fingernagelgravur verkauft. „Mia“, presse ich heraus. „Hallo.“
„Johannes wird Ihnen zur Hand gehen, wo es nötig ist“, bleibt Amalie dennoch gelassen. „Er macht vorerst sein Praktikum bei uns. Bitte machen Sie ihn mit den Personalangelegenheiten vertraut. Wenn er sich bewährt, wird dies sein neuer Aufgabenbereich. Johannes’ Büro ist direkt gegenüber. Scheuen Sie sich nicht, ihn zu Kopier- oder Laufarbeiten anzustellen. Ich weiß, dass Sie gerne alles alleine erledigen. Aber ein wenig Entlastung wird auch Ihnen gut tun. Wir schätzen Sie als kompetente, fleißige Mitarbeiterin und möchten, dass Sie uns noch lange erhalten bleiben“, referiert sie. „Und nun wünsche ich Ihnen beiden einen erfolgreichen, gemeinsamen Start.“
„Äh... danke.“ Der Vortrag war gut. Ich fass’ es nicht.
„Kann ich schon irgendetwas für Sie erledigen?“, fragt Johannes ungeduldig.
Ich muss mich erst mal setzen. Ich wollte eine Kollegin zur Unterstützung. Und was habe ich bekommen? Ein Jungchen, noch grün hinter den Ohren, den ich erst noch anlernen muss. Das kann ja heiter werden!
„Kippe?“
Johannes nimmt dankend an. „Iss nett von Ihnen.“
„Johannes?“
„Ja?“ Er springt sofort auf und steht stramm.
Brutus schreckt hoch und schaut Johannes mit seinen großen, braunen Augen vorwurfsvoll an.
Ich muss grinsen. „Tu’ mir bitte einen Gefallen und sag’ ‚Du’ zu mir, ja? Dann kannste dir auch einen Kaffee nehmen, wenn du magst.“
„Super.“
Johannes ist nicht nur ein sympathisches Kerlchen. Er ist auch äußerst pfiffig. Wissbegierig und mit enormer Auffassungsgabe. Seine blauen Augen fliegen über den Bildschirm, er hakt nach, hinterfragt und hat es innerhalb kürzester Zeit drauf, unser Lohnprogramm selbständig zu bedienen. Damit ist die erste Hürde genommen.
„Ich helfe dir dann, die Personalakten rüber in dein Büro zu schaffen“, sage ich erleichtert. „Mit den monatlichen Abrechnung ist mir schon wahnsinnig geholfen.“
„Und du traust mir das wirklich zu?“
„Klar doch“, bestätige ich. „Wenn nicht dir, wem sonst?“
„Geil!“
Ich schüttele belustigt den Kopf.
„Sind das deine Jungs?“ Johannes nimmt eines der unzähligen Fotos in die Hand und lächelt.
Ich nicke. „Jepp. Der mit den blauen Augen ist Kimi, der mit den braunen Finn.“
„Wie alt?“
„Gerade acht geworden.“ Ich bin stolz auf meine Jungs.
Johannes stellt das Bild zurück. „Kommen cool. Wie die Mama.“
Ich senke beschämt den Kopf. „Ja, sie sind cool. Aber ich bin’s nicht.“
„Find’ schon.“
Meine Güte! Was wird denn das jetzt für eine Unterhaltung?
„Darf ich dich einladen?“
„Was?“ Verlegen starre ich Johannes an.
Der gibt mir einen sanften Schubs mit dem Ellenbogen und schmunzelt verzückt. „Auf ‚ne Kippe, Mia!“
Gott, iss mir das jetzt peinlich!
„Logisch.“
„Mein Dad, der iss auch cool“, sagt Johannes und bläst den Rauch aus. „Wir waren Anfang des Jahres auf Maurizius. Hat er mir zum Geburtstag geschenkt.“
„Wow“, blase ich anerkennend die Wangen auf. „Großzügig.“
„Pass’ auf“, lehnt er sich nach vorn und grinst. „Wir sind gleich am ersten Abend in die Disco. Ordentlich einen drauf machen. Da baggert mich ein Mädel an. Das war ‚ne Granate, sage ich dir.“ Johannes pfeift anerkennend.
„Abgeschleppt?“ Das war mehr eine Feststellung, denn eine Frage.
„Logiiiisch!“, schwillt seine Brust an. „Dad hat uns sein Bett zur Verfügung gestellt. Und selbst auf dem Balkon gepennt.“
„Respekt.“
Die jungen Leute... Ich werde fast ein bisschen neidisch. Ungebunden, neugierig, entspannt und noch so frei von Verantwortung.
„Wenn Mum das wüsste“, meint er lässig, „würde sie ihm den Hals umdrehen.“ Es scheint, als stelle er sich das gerade bildlich vor und wischt den Gedanken mit einer Handbewegung weg. „Meine Eltern sind geschieden.“
„Hm. Volkskrankheit.“
„Scheint so“, wirkt sein jugendliches Gesicht plötzlich sehr erwachsen. „Bist du auch schon angesteckt?“
Ich hole tief Luft und atme langsam und bedacht aus. „In vier Wochen ist Scheidungstermin.“
Einen Moment ist es ganz still im Büro. Dann lehnt Johannes sich zurück, grinst frech und meint: „Na, dann hab’ ich ja noch gute Chancen, was?“
„Unverschämter Bengel!“, spiele ich die Entrüstete und verpasse ihm einen sanften Klaps gegen die Schulter. „Hier wird gearbeitet. Und nicht gebaggert.“
Johannes springt auf. „Jou, Ma’am!“
„Ich sehe, der neue Kollege pariert schon?“ Amalie Sorglos wirft einen kurzen Blick in das Büro.
Wir warten, bis sie verschwunden ist, dann prusten wir los.
„Jetzt aber echt“, meine ich lachend und vermeide jeden Blick in mein Erledigen-Körbchen. „Schaffen wir die Akten rüber.“
Meine Bandscheibe hatte ich bis dato fast vergessen. Jetzt ruft sie sich erneut schmerzlich in Erinnerung.
„Boah“, winselt Johannes. „Was’n mit diiiir los?“
Ich reibe mir übers Steiß und winke ab. „Da siehst du es. Und so ‚ne Olle hättest du dir um ein Haar angelacht“, jaule ich augenzwinkernd vorwurfsvoll.
„Du bist echt ein Knaller!“
In weniger als einer Arbeitswoche haben wir uns zum absoluten Dreamteam entwickelt. Johannes und ich. Wir arbeiten (natürlich sinnbildlich!) Hand in Hand und ich bin beinahe stündlich aufs Neue verblüfft, was der Junge alles auf dem Kasten hat. Er hat mir ja nur etwas von einem Studium in Amerika erzählt. Aber schon alleine das beeindruckt mich tief.
„Wie alt bist du eigentlich?“, frage ich Johannes eher beiläufig.
Er hat die monatlichen Lohnabrechnungen beinahe selbständig erledigt, während ich den Großteil der Finishs abarbeiten konnte. So haben wir uns jetzt ein gaaaanz entspanntes Päuschen verdient.
„Zwanzig? Zweiundzwanzig?“
„Hmmm...“, meint er und tut ganz geheimnisvoll. „Auf jeden Fall alt genug für dich“, grient er frech und reicht mir meinen Senseo.
„Wird das ein Heiratsantrag? Oder hältst du nur Kollegin Engel von der Arbeit ab?“ Philipp lehnt lässig im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt und grinst selbstgefällig.
Brutus springt auf und läuft ihm schwanzwedelnd entgegen. Er ist der einzige hier, neben nun auch Johannes, bei dem mein sonst so braver und unauffälliger Hund das tut. Aber das ist okay so.
„Philipp! Hi!“ Ich freu’ mich tierisch, ihn so überraschend zu sehen und kann es kaum erwarten, ihm von den letzten Tagen zu berichten.
Phil behält Johannes im Auge, kommt auf mich zu und gibt mir meinen Begrüßungskuss. „Hallo, Hexe.“
„Phil? Das ist Johannes.“ Mit einer Handbewegung präsentiere ich Johannes.
Johannes streckt die Hand aus und grinst frech.
Ein fester Händedruck – und Philipp zieht den Jungen fest an seine Brust.
Ich zwicke die Augen zusammen, um festzustellen, ob ich richtig sehe.
„Mia?“, präsentiert mir Johannes nun Philipp. „Das ist mein Dad.“

